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Thema: Hilfe - mein Hund ist draußen gestresst!

  1. #1
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    Hilfe - mein Hund ist draußen gestresst!

    Liebe Zooplus-Gemeinde,

    seit knapp 3 Wochen lebt ein ca. 1-2-jähriger Golden Retriever-Mischling aus dem Tierschutz bei mir. Er kommt von den Straßen Istanbuls und hat vor seiner Ankunft in Deutschland bereits knapp 6 Monate in einer Art Pension mit anderen geretteten Hunden gelebt. Er wurde mir als absolut ausgeglichen, ruhig und gut sozialisiert vermittelt.

    Seit er hier ist, haben wir aber ein großes Problem: er ist draußen arg schnell gestresst. Ich lebe in einer Stadt, recht zentral, aber in der Nähe eines großen Parks. Draußen gibt es viele andere Hunde, Jogger, Fahrradfahrer und Verkehr. Sobald wir einem anderen Hund an der Leine begegnen (und sei er noch so weit entfernt), rastet Aaron völlig aus. Er bellt, quiekt, schmeißt sich in die Leine, hüpft auf zwei Beinen und ist erst wieder zu beruhigen, wenn der andere Hund außer Sicht ist. Regt er sich so auf, werden auch gerne andere sich bewegende Objekte angebellt, die gerade vorbeikommen (z.B. Jogger und Fahrradfahrer). Und bei LKWs, Bussen und Straßenbahnen bellt er ebenfalls drauf los. Nicht zu vergessen ist auch sein enormer Jagdtrieb. Wenn er könnte, würde er jedem Kaninchen und jeder Taube hinterher sprinten.

    Da ich ein absoluter Trainings-Newby bin und Aarons Verhalten nicht so recht zu deuten wusste, habe ich eine Hundetrainerin kontaktiert, die uns sowohl Zuhause als auch draußen beobachtet hat. Sie ist der Überzeugung, dass sein Verhalten stressbedingt ist und hauptsächlich an der fehlenden Hund-Mensch-Orientierung liegt. Er guckt mich beim Spaziergang kaum an, ist ganz in seiner eigenen Welt. Dementsprechend soll ich den Blickkontakt mit ihm üben und jedes Mal mit Futter belohnen. Drinnen klappt das ja ganz gut, da er dort ohnehin auf mich fixiert ist. Aber draußen klappt es kaum. Sobald dann ein Hund in Sicht ist, geht es immer los, noch bevor ich reagieren kann. Die meisten Spaziergänge sind frustrierend - vor allem die letzten beiden, da er noch unaufmerksamer mir gegenüber ist als sonst. Heute fühlt es sich so an, als hätten wir die ganze Zeit über nie auch nur ein bisschen trainiert

    Mich würde interessieren, wer hier diese Erfahrungen mit seinem Hund auch gemacht hat? Wie seid ihr damit umgegangen bzw. wie konntet ihr euer Problem lösen? Wie behaltet ihr die Motivation, wenn es Tage gibt, an denen gar nichts klappt? Hat jemand Ideen, wie ich die Hund-Mensch-Orientierung noch weiter fördern kann?

    Danke im Voraus für eure Antworten,
    Lurchi710

  2. #2
    Cappu Guest
    Hi,

    was du da beschreibst, ist normal für einen Hund mit einer solchen Vorgeschichte. Er hat gelernt, dass er alleine klarkommen muss. Er ist, im Gegensatz zu Hunden, die nie schlimmes erlebt haben, richtig erwachsen geworden und verlässt sich allein auf sich selbst. Es kann locker ein halbes bis ein Jahr dauern, bis ihr dieses Verhalten aus ihm raus habt und er richtig gelernt hat, dass er nicht mehr alleine für seine Sicherheit sorgen muss, sondern nun Menschen hat, die das für ihn übernehmen.
    Hunde, gerade ältere, mit Vorgeschichte sind selten einfache Hunde. Es ist sehr mutig von euch, dass ihr euch dieser Herausforderung stellt, obwohl es euer erster Hund ist

    Aaron ist draußen absolut reizüberflutet, deshalb ist er nicht ansprechbar. Die fehlende Bindung zu euch verstärkt das nur noch, sie ist nicht alleine das Problem. Normalerweise müsstet ihr also zwei Dinge parallel trainieren: drinnen die Bindung, durch Futtergaben aus der Hand, ihr-geht-immer-als-erstes-durch-eine-Tür für die Unterordnung, ... , Clickertraining ist auch noch sehr gut geeignet; draußen den Alltag, zum Beispiel indem ihr euch an einem möglichst ruhigen Platz hinsetzt und einfach nur abwartet. Dabei den Hund am besten ignorieren, lasst ihn sich an das gewöhnen, was ihn draußen so verunsichert. Das sind jetzt aber nur Beispiele, wenn ihr von der Hundetrainerin einen guten Eindruck hattet, lasst sie am besten noch einmal kommen und von ihr einen Trainingsplan drinnen/draußen ausarbeiten.
    Das Ziel ist, dass er darauf vertraut, dass ihr als Rudelchefs auf ihn aufpasst und dass er bei euch sicher ist. Wenn ihr eine Situation als harmlos einschätzt, dann soll er euch das glauben können.

    Motivation... naja, ein Tier ist ein Lebewesen, es klappt NIE alles so, wie man es sich wünschen würde. Tiere sind spannend, sie fordern einen immer wieder auf eine Weise heraus, die man sich vorher nicht einmal vorstellen konnte
    Je länger es dauert, bis etwas "sitzt", desto größer ist die Freude über den Erfolg
    Und bei einem Secondhand-Hund... nun ja, er muss eine enorme Leistung vollbringen. Viele kennen NICHTS, keine Wohnungshaltung, keine Treppen, keine Innenstädte, keine positiven Hund-Mensch-Beziehungen. Und sie wurden sehr selten sorgfältig sozialisiert, als sie Welpe waren, sind also schon von klein auf gehandicapt. Da freut man sich dann tatsächlich über jeden kleinen Schritt in die richtige Richtung, auch wenn es dazu Wochen gedauert hat. Viele kann man leider nie ableinen, darüber muss man sich klar sein. Aber die meisten werden mit Zeit und Arbeit richtig tolle Gefährten, die alles (ihnen mögliche!) dafür tun, um es "ihrem" Menschen recht zu machen.
    Unser vorvorletzter Hund hat uns nach etwa einem halben Jahr fast zur Abgabe gebracht, so groß war die Verzweiflung. Bei ihr hatte es da plötzlich "klick" gemacht und sie wollte plötzlich ihr Revier, ihren Menschen, ALLES bis aufs Blut verteidigen, sogar familienintern. Schließlich war sie jahrelang ohne Besitz durchs Leben gegangen und plötzlich hatte sie etwas, das das Kämpfen lohnte. Es hat ein weiteres halbes Jahr gedauert, bis wir das komplett aus ihr raus hatten und ab da war sie für ihre letzten Jahre ein absolutes Goldstück. Die Arbeit hat sich absolut gelohnt, sie war wunderbar

    Falls du gerne aus Büchern lernst, kann ich dir Jan Fennell sehr ans Herz legen.

  3. #3
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    16
    Liebe Cappu,

    vielen Dank für deine Antwort - und auch für deine Buchempfehlung. Ich habe mir einen Überblick über ihre Werke verschafft und werde mit Sicherheit zeitnah einen Blick hineinwerfen (momentan lese ich noch ein Buch von Patricia McConnell).

    Ja, du hast recht. Ich werde mich sicherlich in viel Geduld üben und auch mal mit Misserfolgen umgehen müssen. Was mich zurzeit aber tatsächlich am meisten stresst und unzufrieden macht, ist, dass ich keine klare Linie in der Erziehung fahre. Ich bekomme von vielen Menschen Tipps und Ratschläge (einschließlich der Trainerin) zum "richtigen" Training. Ich entscheide mich dann, es auf eine bestimmte Weise zu tun und lese nur wenig später bei meiner Internetrecherche, was an diesem Weg nachteilig ist und wie man es stattdessen tun sollte. Auf diese Weise bin ich permanent verunsichert, ob ich es jetzt richtig mache oder eben nicht. Ich verhalte mich dadurch meinem Hund gegenüber inkonsequent, was ihn vermutlich zurzeit noch mehr an meiner Vertrauenswürdigkeit zweifeln lässt.

    Ein aktuelles Beispiel: Momentan ist es ja so, dass ich meinen Hund nicht ableinen kann. Und durch sein Gebell schlägt er die meisten anderen Hunde bzw. eher ihre Herrchen/Frauchen in die Flucht. Deshalb hat es bisher hier in Deutschland in den letzten 4 Wochen noch nicht eine positive Hundebegegnung oder die Möglichkeit gegeben, soziale Kontakte zu knüpfen. Eine Freundin hat einen Welpen und wir haben uns daher entschieden, uns am Wochenende zu treffen, damit Aaron Kontakt zu anderen Hunden haben kann. Wir wollen uns erst in der Wohnung ganz entspannt kennenlernen und es dann gemeinsam mit einem Spaziergang versuchen - beide Hunde natürlich an der Leine. In einer Gegend mit wenig Ablenkung. Ich persönlich und auch die vermittelnde Tierschützerin halten das eigentlich für eine gute Idee, Aaron in einer kontrollierten und entspannten Umgebung mit einem anderen Hund zusammenzuführen, zumal er sich ja auch in der Türkei immer sehr sozial gezeigt hat. Kaum erzähle ich das jemandem mit Trainingserfahrung, rät er mir sofort davon ab. Sprich: die einen sagen, ich soll Hundekontakte zulassen, damit Aaron sieht, es ist alles gut; die anderen sagen, ich soll einen großen Bogen um sämtliche Hunde machen.

    Wie hast du den richtigen Trainingsweg für dich gefunden?

  4. #4
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    Also ich würde Erstbegegnungen zwischen Hunden immer auf neutralem Gebiet machen und nie in einer Wohnung. Wenn wir Besuch bekommen geht es immer erst raus und dann, wenn sich die Hunde kennen , auch in die Wohnung. Schade das du niemanden mit einem "sicheren" Hund kennst mit dem du Aaron auf einem Spaziergang in Kontakt bringen kannst.

    Ein Optimist findest immer einen Weg. Ein Pessimist findet immer eine Sackgasse. – Napoleon Hill -

  5. #5
    Cappu Guest
    Für den Anfang würde ich auch neutralen Grund bevorzugen. Später, wenn er tatsächlich ganz und gar "euer" Hund ist und euch vertraut, dann bestimmt ihr, wer rein darf und wer nicht, wen er zu tolerieren hat und wen nicht. Dann könnte man theoretisch Besucher auch direkt zu Hause empfangen. Es ist aber trotzdem schöner, wenn sie sich erst einmal draußen kennenlernen und bestenfalls auch austoben können, bevor es nach drinnen geht. Gerade wenn es Antipathien gibt, erkennt man diese auf mehr Raum leichter als im beengten Flur, wo man die Hunde nur von oben sieht.
    ABER: euer Hund ist draußen praktisch abgemeldet und im Kopf nicht bei euch, während ihr ihn in der Wohnung einigermaßen ansprechen könnt. Daher ist der Tipp, dort erste Kontakte knüpfen zu lassen, vielleicht gar nicht verkehrt. Und der Erfolg gibt euch recht, zumindest mit diesem Welpen: sie kommen für den Anfang schon gut miteinander klar.
    Fazit: beide Wege können richtig sein.

    Die eigene Linie finden. Hm. Ich bin mit Hunden aufgewachsen, auch mit Welpen von Geburt an, und ich hab daher das meiste einfach so gelernt durch Abschauen und Nachmachen. Für das weitergehende Interesse standen Bücher wie "Der Hund" und "Der Wolf" von Erik Zimen im Regal meiner Eltern. Der Rest hat sich dann einfach so ergeben. Wenn es Probleme gibt, die man noch nie hatte, probiert man rum. Findet man keine Lösung, sucht man woanders eine. Liest queerbeet, verwirft das meiste, probiert das, was einem vernünftig erscheint...
    Dir würde ich raten, dich erst einmal für einen Weg zu entscheiden. Willst du mit der Trainerin arbeiten, dann arbeite strikt nach ihr. Schwierig wird es, wenn du für den Anfang lauter verschiedene Methoden miteinander kombinierst, denn dann kann sie dich nicht bei eurer Entwicklung begleiten. Ganz wichtig, wichtiger noch als alles andere: Konsequenz. Und du musst WOLLEN, was du von deinem Hund willst. Es bringt nichts, wenn du ihm etwas sagst, aber etwas anderes meinst/willst, du musst hinter dir selbst stehen, hinter deinen Anweisungen. Hunde sind nämlich supergut im Lesen von Körpersprache und Diskrepanzen verunsichern sie. Und wenn sie denken, dass die Führung unsicher ist, dann übernehmen sie sie selbst, denn irgendwer muss den Job ja machen.

    Auch wichtig: fast jeder Hundehalter und viele Nichthundehalter werden dir dreinreden wollen. Jeder wird ganz wahnsinnig tolle Tipps haben, wie du genau dein Problem gaaanz fix lösen kannst. Ignorier alle Tipps. Es gibt hundert Wege, einen Hund zu erziehen, viele davon sind entweder überholt, schlecht, unsinnig oder passen nicht auf euch. Ein paar Tipps werden auch Gold wert sein, aber diese von den anderen zu unterscheiden, ist für einen Anfänger fast unmöglich. Und immer noch gilt: Konsequenz ist das Allerwichtigste. Lieber einen nicht ganz so guten Weg gehen als ständig unkontrolliert die Richtung zu wechseln und sich am Ende zu verlaufen.

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