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Thema: Der Aprilscherz - oder wie ich zur ersten Katze kam Teil 1

  1. #1
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    Der Aprilscherz - oder wie ich zur ersten Katze kam Teil 1

    Die Nachbarinnen haben Katzen. Schön ist das. Denke ich jedenfalls. Da ist zum einen Whisky, die schwarzweiße Katze mit dem Methusalem-Gen. Sie war schon 16, als sie sich entschloss, zu den Nachbarn zu ziehen. Jetzt ist sie über 19 und immer noch fit wie ein Turnschuh. Den Jüngeren ließ sie damals keine Chance, denn sie besetzte wie selbstverständlich als erste und einzige die Transportbox. Sie ist die absolute Traumkatze, anschmiegsam und streichelsüchtig. Das wäre etwas für mich.
    Zum anderen ist da Sir Henry, ein Perserkater. Doch der mag mich nicht besonders, zeigt es aber nur, wenn ich ihn mal versorge. Ist seine Besitzerin, Verzeihung „Dosenöffnerin“, dabei, darf ich ihm sogar den Bauch kraulen. Sind wir allein, haut er mir eine runter. Aber das ist ja kein Maßstab. Bestimmt nicht.
    Ich rede also ab und zu davon, dass ich eigentlich auch eine Katze haben möchte, süß und lieb, vertrauens- und hingebungsvoll. Aber das Tierheim ist eine halbe Weltreise entfernt, wenn man kein Auto besitzt. So bleibt es beim Reden, bis eines Tages, es ist der 3. April 2003, die Nachbarin (die mit dem Perserkater) vor der Tür steht, mit dem Autoschlüssel winkt und mir keine Chance zu einer Ausrede lässt. „Jetzt oder nie. Los, wir holen eine Katze.“ Na gut. Wir fahren erst einmal eine Katzenerstausstattung kaufen: Kratzbaum, Nass- und Trockenfutter, Spielzeug, Haubentoilette, Streu, Schaufel, Leckereien, Katzenmilch, Transportbox. Das dürfte ja wohl reichen. Näpfe sind genügend vorhanden. Ich brauche keine speziellen Katzennäpfe mit Katzendesign, ich bestimmt nicht. Aber ich fühle mich, als ob ich ein Kind bekomme. Gut, dass die Zoohandlung nicht auch noch Kinderwagen und Strampelanzüge anbietet. Ich weiß nicht, ob ich da hätte widerstehen können. Kurz frage ich mich, ob der blaue Kratzbaum die richtige Farbe hat. Vielleicht hole ich ja gar keinen Kater. Aber ein Baum in Rosa ist abartig. Und eine neutrale Farbe ist gerade nicht vorrätig.
    Zu Hause wird alles aufgebaut. Und schon beginnen die Schwierigkeiten. Wohin eigentlich mit dem Kratzbaum? Wohin mit dem Katzenklo? Mit einigem Geschiebe und Gefluche wird Platz geschaffen. Die Wohnung ist noch voller als vorher. Das Klo steht nun vor der Waschmaschine. Die riesige Haube verdeckt die Ladeluke. Aber das alles nehme ich natürlich tapfer in Kauf. Dann geht es ins Tierheim. Einmal durch die Gänge, zweimal durch die Gänge, die Transportbox immer in der Hand. Viele Katzen sind nur zu zweit abzugeben, aber ich bin Neuling, ich will nur eine. Ich will auch keine junge, sondern eine, die um die sechs Jahre alt ist, wo der Charakter voll ausgebildet ist, die ruhig ist, die sich gern streicheln lässt, die mich nicht haut oder beißt, die ich nicht erziehen muss, die keinen Schaden anrichtet, die dankbar ist, dass ich sie aus dem Heim hole, die kein Freigänger ist, denn mehr als einen Balkon kann ich ihr nicht bieten. Ob ich vielleicht doch lieber ein Plüschtier kaufe?
    Ein schwarzer Kater sticht mir ins Auge. Der ist unheimlich verschmust, aber noch im Flegelalter und erst ein Jahr alt. Ich muss auch an meine 87-jährige Mutter denken, die bei mir lebt und bestimmt nicht als Klettergerüst oder Sprungbrett missbraucht werden will. Eine Pflegerin wird gefragt. „Ja, wir hätten da eine weibliche Katze, ca. vier Jahre alt. Die ist am 1. April ins Heim gekommen. Wahrscheinlich wurde sie ausgesetzt.“ Aber wo ist die? In ihrem Weidenkorb natürlich, in der hintersten Ecke. Ob ich sie mal sehen dürfte? Sicher. Nach einer gefühlten Stunde lässt sich die Katze hervorlocken. Gelbe, klare Augen blicken uns ängstlich an. Bauch, Brust und Beine sind weiß, der Rücken ist silber- bis dunkelgrau getigert. Auf der rechten Brust hat sie einen neckischen getigerten Fellfleck, einen Orden sozusagen, auch wenn die sonst links angesteckt werden. Der Kopf ist wunderschön und ebenmäßig gezeichnet. Bis zum Nasenansatz und kurz unter die Augen ist sie getigert, der untere Teil mit der Schnauze ist weiß. Irgendwie stimmen allerdings die Proportionen nicht: großer Körper auf dünnen, hohen Beinen. Aber ich will ja keinen Schönheitswettbewerb mit ihr gewinnen, ich will sie ja nur streicheln dürfen. Kurz drückt sie ihren Kopf an meine Hand. Das ist bestimmt ein gutes Zeichen. Dann zeigt sie mir den Hintern. Gut, sie will mir nur andeuten, dass der sauber ist, dass sie keinen Durchfall hat. „Ist sie Freigängerin?“ frage ich. „Wissen wir nicht.“ „Ist sie lieb?“ „Unser Tierarzt hat sie als misstrauisch bezeichnet. Aber sie ist bestimmt eine ganz Verschmuste. Tierärzte sagen schnell sowas. Katzen mögen Tierärzte nämlich nicht.“ Verständnisvoll nicke ich. „Darf die Katze denn in Ihrem Bett schlafen?“ Im Brustton der Überzeugung verneine ich die Frage. Mein Bett gehört schließlich mir, mir allein. Es ist mein Bett. Basta.
    „Was passiert eigentlich, wenn sie Freigang gewöhnt ist?“ „Dann könnte es Probleme geben. Dann könnte sie anfangen, in die Wohnung zu pinkeln.“ Ich denke an meine mit Teppichboden ausgelegten Zimmer, an den Geruch, den ich aus meiner Kindheit kenne, wo eine Nachbarin zwei unkastrierte Katzen hielt. Mir wird etwas anders bei diesem Gedanken. Aber irgendwie kann ich nicht mehr zurück. Ergeben nicke ich. „Ich nehme sie.“
    Wir schreiten also zur Abwicklung des Kaufs. „Ihren Ausweis, bitte.“ Toll, der liegt zu Hause, am anderen Ende der Welt. „Haben Sie keinen Brief dabei, aus dem Ihr Namen und Ihre Adresse hervorgehen?“ Nein, natürlich nicht. Wer nimmt schon einen Brief mit ins Tierheim? Meine Nachbarin verbürgt sich für mich. „Sie ist wirklich die, für die sie sich ausgibt.“ Langes Zögern. Schließlich die Frage: „Stehen Sie im Telefonbuch?“ Ich nicht, aber mein Name und meine Adresse. Sorgfältig wird das überprüft. „Falls Sie anrufen wollen, da geht im Augenblick niemand ran.“ Ich ernte einen verwirrten Blick. Trotzdem werden die Papiere fertig gemacht, ich zahle meinen Obolus von über 120 Euro. Freundlich wird mir mitgeteilt, dass ich erst nach einem halben Jahr sicher sein kann, dass ich die Katze behalten darf. So lange ist die Wartefrist bei Fundtieren. Auch das noch, denke ich. Aber nun will ich es durchziehen, auch auf die Gefahr hin, mich von dem Tier wieder trennen zu müssen. „Und, übrigens, wir machen einen unangemeldeten Kontrollbesuch, ob die Katze es auch gut bei Ihnen hat und sie überhaupt da ist.“ Wieder nicke ich ergeben. Allerdings kann ich überraschenden Besuch nicht ausstehen. „Und umtauschen kann man sie auch nicht.“ Das hatte ich eigentlich auch nicht vor, obwohl ich mich jetzt fühle, als habe ich die Katze im Sack gekauft.
    Mit den Papieren in der Hand geht es zurück zur Pflegerin. Mühsam wird die Katze in die Transportbox gezwängt. „Ach, übrigens, Martha-Luise frisst nur Trockenfutter.“ „Die schwedische Prinzessin?“ „Nein, die Katze, die ist nach ihr benannt.“ Toller Name, wirklich, ganz reizend. Ich brauche dringendst ein Buch mit Katzennamen. Das würde ich eintauschen gegen eine Batterie Nassfutter, das jetzt wohl zu Hause unnütz den wenigen noch vorhandenen Platz wegnimmt.
    Stolz gehen wir zum Auto. Martha-Luise, die Katze, schreit sich die Seele aus dem Leib. Die ganze Fahrt über gibt sie keine Ruhe. Ständig schiebt sie eine ihrer dünnen Pfoten durch das Gitter und versucht, nach allem Möglichen zu angeln. Bestimmt ist sie eine kommunikative Katze, die sich mit mir unterhält, die schnurrt, wenn ich sie streichele, die auf den Schoß springt und sich dort zusammenrollt.
    Endlich sind wir wieder zu Hause. Meine Nachbarin überlässt mich der Katze und meinem Schicksal, wünscht mir an der Wohnungstür noch viel Spaß. „Den werde ich bestimmt haben!“ sage ich im Brustton der Überzeugung.
    Im Bad entlasse ich Martha-Luise in ihre neue Freiheit. Sie schaut sich kurz das Haubenklo an. Ob sie weiß, was es bedeutet? Dann rennt sie ins Wohnzimmer, läuft über den Tisch, fixiert den Fernsehapparat, erinnert sich aber wohl an ihre Erziehung und springt auf den Boden. Der Teppich besteht die erste Kratzprobe. Danach wird die Küche inspiziert. Offenbar sind die Hängeschränke von besonderem Interesse. Es folgen der Flur, das Schlaf- und das Arbeitszimmer. Zurück im Wohnzimmer würdigt Martha-Luise den blauen Kratzbaum mit keinem Blick. Hätte ich doch einen in Rosa nehmen sollen? Auch der Futternapf, rein weiß und aus Porzellan, gefüllt mit leckerem Trockenfutter, wird nicht beachtet. Ermüdet setze ich mich. Martha-Luischen interessiert sich auch nicht für mich. Zielgerichtet geht sie an den Wassernapf und trinkt. Ich habe einen Schnaps nötig nach den Aufregungen des Tages.
    Die Katze streift immer noch durch die Wohnung, als ich den ganzen Verpackungsmüll von meinem Einkauf greife, um ihn zur Tonne zu bringen. Als ich zurückkomme, ist die Katze nicht mehr zu sehen und zu hören. Mir wird schlecht. Ich rufe – aber welche Katze hört schon auf Martha-Luise? Es herrscht vollkommene Stille. Kein Rascheln, kein Kratzen, kein Laut, nichts. Siedend heiß fällt mir ein, dass die Katze vielleicht beim Müllwegbringen ins Treppenhaus entwichen ist. Also gehe ich hinaus, laufe das Treppenhaus vom Dach bis zum Keller ab, immerhin sieben Stockwerke, schaue auch nach draußen, doch nirgendwo sitzt eine Katze. Klasse. Zurück in die Wohnung, wo außer meinem keuchenden Atem nichts zu hören ist. Es hat keinen Sinn, ich gehe ins Bett. Natürlich kann ich nicht schlafen. Und ich lausche auf jedes Geräusch. Morgens um 5.00 Uhr höre ich Schlabbergeräusche und bin begeistert. Martha-Luise ist noch immer da.
    Liebe Grüße von Jutta mit Tammy, der Queen, Mimmi, dem Erdmännchen, und Lilly, der Zauberfee


  2. #2
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    Teil 2
    Als ich aufstehe, sehe ich im Bad eine Pfütze vor dem Haubenklo. Freude kommt auf. Hoffentlich reißt das nicht ein. Allerdings reißt die nächsten Tage gar nichts ein. Zum einen habe ich die Haube vom Klo entfernt, zum anderen scheine ich keine Katze zu haben. Ob es der Name ist, dass sie sich nicht zeigt? Ich finde drei Tage lang als Zeichen ihrer Anwesenheit nur ein paar Pinkelklumpen im Klo. Das Futter ist unberührt, die Katze unsichtbar. Danach beginnen die nächtlichen Begegnungen der unheimlichen Art. Gehe ich in der Dunkelheit ins Bad, höre ich Fauchen und Spucken, dann habe ich Krallen im nackten Fuß. Warum muss es denn immer der rechte sein? Aber ich bin lernfähig. Ich ziehe beim Aufstehen jetzt immer feste Filzschuhe an. Auch Martha-Luischen ist lernfähig. Nachdem sie dreimal auf die Schuhe geschlagen hat, lässt sie zumindest diese Art der Attacke.
    Sechs Tage lang bleibt das Fressen unberührt. Dementsprechend gibt es auch keine feste Hinterlassenschaft im Klo. Ich würde ja mit der Katze zum Tierarzt gehen, wenn ich sie denn tagsüber finden würde, ohne die halbe Wohnung auseinander nehmen zu müssen. Jeden Tag stelle ich ein wenig Katzenmilch hin, wenigstens die wird getrunken. Dann komme ich vom Einkauf zurück und trete prompt in eine riesige Fellwurst. Ich hoffe jedenfalls, dass es eine Fellwurst ist. Martha-Luise sitzt vor dem Futternapf und frisst. Erleichtert, sie zu sehen und darüber, dass sie endlich frisst, streichel ich ihr über den Kopf. Danach laufe ich mit einem riesigen Pflaster auf meiner rechten Hand herum, das eine tiefe und heftig blutende Schmarre verdeckt. Von nun an wird fast jede Berührung meiner erträumten Schmusekatze von dieser mit einem Pfotenhieb beantwortet. Und meine Füße muss ich nun auch tagsüber schützen.
    Mir wird klar, dass ich mir keine Schmusekatze geholt habe, sondern ein traumatisiertes Tier, das panische Angst vor meinen Händen und Füßen hat. Ich fühle mich hilflos.
    Zwei Wochen sind vergangen. Die Katze, die ich jetzt nur Schleicher nenne, weil mir kein passender Name außer Angsthase eingefallen ist, ist auf die Hängeschränke in der Küche gezogen. Sie kommt nur zum Fressen, Trinken und für die Klogänge herunter. Als Trittbrett benutzt sie die Dunstabzugshaube, die sich langsam aus der Verankerung löst. So kann es jedenfalls nicht weiter gehen. Ich fuchtel mit einem Federwedel vor ihrer Nase herum, ernte aber nur einen entsetzten Blick. Ich werfe eine Fellmaus. Die Katze putzt sich desinteressiert auf dem Hängeschrank.
    Es dauert weitere zwei Wochen, bis sich Schleicher mehr auf den Boden wagt. Sie entdeckt die Schlafhöhle im Kratzbaum. Ich entdecke, wie schnell sich meine Muskeln verkrampfen, wenn ich vor der Höhle auf dem Boden sitze und mit der Katze rede. Vorsichtig lege ich meine Hand an ihren Hals. Ihr Schwanz peitscht wie verrückt, aber ich bekomme keinen Hieb. Das mache ich jetzt jeden Tag. Mehrfach. Nur streicheln darf ich nicht. Jede Handbewegung bedeutet eine blutige Spur auf Hand und Unterarm.
    Nun ist die Nachimpfung dran. Die Vormittagssprechstunde lasse ich verstreichen, nachdem ich mich vergebens bemüht habe, die Katze in den Kennel zu bekommen. Wir sind beide völlig erschöpft. Kein Trick hat gefruchtet. Auch nicht das senkrechte Hinstellen der Transportbox und das Einführen der Hinterbeine als erstes. Breitbeinig hakt sich Schleicher in die Seitenschlitze. Nichts geht mehr. Nur Desinfektionsmittel für die Beiß- und Kratzwunden. Nachmittags starte ich einen erneuten Versuch. An das geschlossene Ende der Transportbox verreibe ich ordentlich Baldriantropfen. Wusste ich doch. Sie kann nicht widerstehen. Ein kurzer Schubser und schnell das Gitter geschlossen. Mit Handschuhen an den Fingern.
    Mit einer jaulenden, fauchenden, schreienden, knurrenden Katze sitze ich dann im Wartezimmer. Der West-Highland-Terrier zieht den Schwanz ein und verschwindet hinter einem Stuhl. Seine Halterin schaut entsetzt in den Kennel. „Ist sie krank?“ „Nein, nur sauer.“ Endlich bin ich dran. Das Geschrei hat sich zu einem Crescendo gesteigert. „Oh je.“ Die Tierärztin scheint ratlos. Die Katze weigert sich spuckend, kreischend und um sich schlagend, den Kennel zu verlassen. Tapfer zieht die Helferin die riesigen Schutzhandschuhe an, greift sich ein dickes Handtuch. Schleicher wird beherzt nach hinten an die Lüftungsschlitze geschoben und bekommt durch die Streben ihre Impfung. In der Zwischenzeit weiß die ganze Straße, dass hier ein Tier gequält wird. Ernst blickt mich die Tierärztin an: „Es ist schade, dass ich das Tier nicht untersuchen kann.“ Was soll ich dazu sagen? „Ach, Sie haben das Handtuch im Kennel gelassen.“ Hastig winkt die Tierärztin ab. „Das bringen Sie mir mal mit, wenn Sie wiederkommen.“ Verständlich. Ich würde jetzt auch nicht noch einmal die Box öffnen und hineingreifen wollen.
    Ich zahle und gehe an entsetzt dreinblickende Menschen und Tieren im Wartezimmer vorbei. Schleicher schreit noch immer. Schön, dass sich auf dem Heimweg auch die Männer auf der Straße nach mir umschauen. In der Wohnung öffne ich die Transportbox. Schleicher kommt tatsächlich heraus. Todesmutig halte ich ihr meine Hand hin. Zum ersten Mal werde ich geputzt. Minutenlang. Schleicher ist zufrieden. Ich reibe Bepanthen auf die wunde Haut. Ihr Gesang beim Tierarzt hat mich auf eine Idee gebracht: Sie heißt von nun an Tammy nach der Country-Sängerin Tammy Wynette.
    Kurz danach, es ist ein Sonnabend, und ich habe etwas verschlafen, klingelt es. Es ist die Dame vom Tierheim, die ihren Kontrollbesuch macht. Hastig ziehe ich etwas an. Das kann ja heiter werden, wenn Tammy sich mal wieder nicht zeigt. Die Dame redet also mit mir, und siehe da, eine Katze kommt um die Ecke. Während des ganzen Gesprächs zwinkert mir Tammy zu und schaut zu mir auf. „Mein Gott, die himmelt sie ja richtig an!“ „Ja, sie ist wirklich eine ganz Liebe.“ Die Dame geht zufrieden. Ich muss jetzt dringend die Katze füttern, was die mir schon die ganze Zeit zu verstehen gegeben hat.
    Tammy entdeckt die nächste Zeit den großen Sisalball und bearbeitet ihn immer wieder. Langsam scheint sie sich wohl zu fühlen. Sie sucht sich ein sonniges Plätzchen und legt sich auf den Rücken. Einen wunderschönen weißen Bauch hat sie. Ich kann nicht anders und streichel ihn. Die Katze hängt mit den Zähnen und den Vorderpfoten an meiner Hand und meinem Arm. Zusätzlich benutzt sie die Hinterpfoten. Langsam geht mir das Desinfektionsmittel aus.
    Offenbar liebt sie den Sisalball. Eines Abends um 22.00 Uhr baue ich ein paar Hindernisse auf und rolle den Ball durch das Wohnzimmer. Es dauert mindestens 20 Minuten, bis sie begreift, dass sie den Ball jagen, dass sie sich hinter den Hindernissen verstecken kann. Doch nach 10 Minuten hat sie das Interesse verloren. Und ich weiß nicht, wo der Ball ist. Die Prozedur wiederholt sich ein paar Abende. Danach gehe ich noch ein wenig ins Arbeitszimmer, die Tür lehne ich an. Nach einer Woche steht Schleicher um kurz vor 22.00 Uhr vor der Tür und maunzt. Sie will spielen. Schließlich hat sie ein Recht darauf. Schließlich habe ich es ihr angeboten. Und schließlich kann sie nichts dafür, dass sie nun spielsüchtig geworden ist. Die abendlichen Runden werden immer ausgedehnter. Mit nur kurzen Unterbrechungen, wo sie mal aufs Klo rennt (zuscharren gibt es dann nicht, die Zeit ist zu kostbar) oder sich stärkt, spielt sie manchmal zwei Stunden. Und sie versucht, mich mit kurzen, schrillen Schreien immer wieder für eine weitere Spielrunde aus dem Bett zu locken. Ich stelle mich tot, denn zwei Stunden Hin- und Hergerenne und Ballsuche reichen mir.
    Ich muss ökonomischer spielen. Also muss ein Laserpointer her. Ich kaufe einen in Mausform. Tammy dreht durch, als sie den roten Punkt verfolgt. Sie rennt sich die Seele aus dem Leib, prallt gegen Wände und Gegenstände. Am nächsten Tag geht sie etwas steifbeinig durch die Wohnung. Abends will sie so gar nicht spielen.
    Sie mag noch immer nicht gestreichelt werden, lässt sich aber berühren. Die Angst vor meinen Füßen hat sie verloren. Sie bleibt liegen, wenn ich komme, und ich darf über sie drüber wegsteigen. Fremde in der Wohnung sind aber unerwünscht. Erst werden sie begutachtet, dann beobachtet, und wenn sie gehen, kurz angefaucht. Dann bekomme ich meinen obligatorischen Hieb.
    Mehrere Monate sind vergangen. Mit viel Mühe habe ich Tammy dazu gebracht, Futter aus meiner Hand anzunehmen. Sie spielt immer noch für ihr Leben gern. Eines Abends gehe ich ins Bett. Fünf Minuten später spüre ich eine leichte Bewegung zu meinen Füßen. Ich richte mich auf und sehe Tammy, die mich fragend anschaut. Ja, sie darf dort schlafen. Ich bin viel zu gerührt, um ihr das zu verbieten. Es ist ein Vertrauensbeweis, den ich nicht zurückweisen kann.
    Sie ruht auch tagsüber im Bett. Es beginnt der obligatorische Kampf beim Bettenbeziehen. Ich nehme diesmal eine Flanellbettwäsche. Sie scheint sie zu lieben. Als ich dann abends ins Bett will, liegt sie mitten auf der Decke. Ich will sie wegschieben und bekomme eine heftige Ohrfeige. Ich schaffe es aber, mich schlafen zu legen und teile mein Bett gern mit ihr. In der Zwischenzeit habe ich natürlich auch Futternäpfe für Katzen. Meine ganzen Überzeugungen sind flöten gegangen. Immer mehr erzieht mich Tammy zum ordentlichen Katzenhalter.
    Liebe Grüße von Jutta mit Tammy, der Queen, Mimmi, dem Erdmännchen, und Lilly, der Zauberfee


  3. #3
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    Jutta, ich sitze hier und lache mich kaputt. Du schreibst SO herrlich
    Und die Geschichte von Tammy und dir ist gar wunderbar

    Die Geschichte hier geht ja wohl hoffentlich weiter
    Liebe Grüße von Sarah mit




  4. #4
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    Köstlich :-) *gg*!

  5. #5
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    Eine tolle Geschichte, Jutta!

    *Willmehr!*
    Liebe Grüße von Maria mit Schmustiger Luna, Charakterkatze Flecki & Spanierin Tahira


    Die Katze kann Dein Freund sein, aber sie wird nie Dein Sklave.

  6. #6
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    Klasse, Jutta - nein, ich habe sie noch nicht zu Ende gelesen
    LG von Renate, Muffin & Bonny-Noëlle
    ... sowie Patenkaterchen "STANLEY"
    und Aiderbichl-Patenkind "LUDWIG"



  7. #7
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    Zitat Zitat von Lolli Beitrag anzeigen
    Die Geschichte hier geht ja wohl hoffentlich weiter
    Aber sicher doch??!! Märtha-Louise, hat ihr SICHER beigebracht, dass, äh, eine Mimmi hermusste
    LG von Renate, Muffin & Bonny-Noëlle
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  8. #8
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    SO fängt ein Sonntag Morgen gut an.

    Toll geschrieben


  9. #9
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    Wie schön!

  10. #10
    Steppenläufer Guest
    Herrlich

    *Kaffee vom Monitor wisch*

  11. #11
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    Ich dachte erst, Du wärest die Nachbarin meiner Bekannten... Ihre Katze Whisky entsprach komplett Deiner Beschreibung. Nur die ist mit ca. 6 Jahre eingezogen und wurde knappe 30

    unglaublich, WIE schnell man sich in unsere Biester verliebt und zum Sklaven mutiert, der alle guten Vorsätze über Bord wirft Mir ging es ja ähnlich...nur ich WOLLTE nie eine Katze...und dann kam Tiffy und erzog mich

    Ich finde es immer wieder erstaunlich, was man mit Geduld und immer gleichbleibend freundlichem Verhalten (egal ob man sie innerlich ermorden, 4teilen und aus dem Fenster werfen will ) bei scheuen Katzen erreichen kann.

  12. #12
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    Jutta, das ist soooooo klasse geschrieben , ich freue mich schon auf die Fortsetzung
    Liebe Grüße von Carola, Belle, Lina, Freddie und Tizia

    Fotoalbum1

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    Meine Regenbogenkinder

  13. #13
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  14. #14
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    Du schreibst großartig! Das konnte ich mir so richtig bildlich vorstellen - Tammy und Du!
    Ich will auch mehr!
    Liebe Grüße von Sabine mit



    & den Regenbogenkatzen - für immer im Herzen

  15. #15
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    Sicher wird es eine Fortsetzungsgeschichte geben. Dazu brauche ich mal ein ruhiges Wochenende.

    Anja, ja, es ist erstaunlich, was man bei scheuen Katzen mit viel Geduld erreichen kann. Tammy wird zwar nie eine Schmusekatze sein, doch sie vertraut mir fast blind, aber nur mir. Andere Menschen bleiben für sie der Feind schlechthin, selbst wenn sie sie etwas besser kennt und von ihnen Futter erhält. Da ist auch viel Unsicherheit bei ihr im Spiel.
    Und ja, man wird erzogen, ob man will oder nicht. Irgendwann ist man Wachs in ihren Pfoten.
    Liebe Grüße von Jutta mit Tammy, der Queen, Mimmi, dem Erdmännchen, und Lilly, der Zauberfee


  16. #16
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    Zitat Zitat von CaveCanem Beitrag anzeigen
    Irgendwann ist man Wachs in ihren Pfoten.
    Irgendwann??? geb ihnen einen Tag und Du schmeißt alle guten Vorsätze über den Haufen

    .... Ein ganzes WE?? Ruhig??? mmmhhhh..Also gehts dann nächstes WE weiter mit der Geschichte *freu*

  17. #17
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    Zitat Zitat von lammi88 Beitrag anzeigen
    Irgendwann??? geb ihnen einen Tag und Du schmeißt alle guten Vorsätze über den Haufen

    .... Ein ganzes WE?? Ruhig??? mmmhhhh..Also gehts dann nächstes WE weiter mit der Geschichte *freu*
    Na, mal sehen, ob mich die *hüstel* Muse küsst.
    Liebe Grüße von Jutta mit Tammy, der Queen, Mimmi, dem Erdmännchen, und Lilly, der Zauberfee


  18. #18
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    Zitat Zitat von CaveCanem Beitrag anzeigen
    Na, mal sehen, ob mich die *hüstel* Muse küsst.
    naja, die Muse vielleicht nicht, aber ich würd dich ab busseln, wenns weiter geht
    MONI mit dem wunderbarem MAJA-SCHAFI ,Kuschelseelchen ANNI, Wuschel IDA sowie LILLY,die Diva bei den Jungs
    *LILLI,PINA,FLOH,ELENA,OSKAR und das kleine,schwarze WUNDER für immer im Herzen*

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  19. #19
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    Zitat Zitat von Moika Beitrag anzeigen
    naja, die Muse vielleicht nicht, aber ich würd dich ab busseln, wenns weiter geht
    Da kann ich ja gar nicht nein sagen.
    Liebe Grüße von Jutta mit Tammy, der Queen, Mimmi, dem Erdmännchen, und Lilly, der Zauberfee


  20. #20
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    Teil 3
    Tammy hat das Treppenhaus für sich entdeckt. Jeden Abend nach dem Spielen muss ich die Tür öffnen, und sie läuft ein Stockwerk nach oben. Dort liegt ein Teppich, auf dem sie sich wälzt und putzt. Ich frage mich, was der Teppich hat, das meine nicht haben. Schon Stunden vorher wird der Schlüssel an der Wohnungstür traktiert. Wie gut, dass abgeschlossen ist, denn Tammy kommt schon durch bloßes Aufrichten fast an die Klinke.
    Meine Nachbarn entdecken sie vor der Tür. „Oh, das ist aber ein schöner Kater.“ Ich verteidige Tammys Geschlecht. „Bist du sicher?“ „Ja, natürlich. Soll ich den Schwanz heben?“ Ich muss es tatsächlich. Ungläubiges Staunen. „Die ist aber wirklich sehr groß und irgendwie seltsam gebaut.“ Die Nachbarin beugt sich herunter und will Tammy streicheln. Die legt die Ohren nach hinten und faucht. Die Nachbarin wird blass. Ihre Hand zuckt zurück. Tammy ist eben nicht mit Whisky zu vergleichen. Ich grinse in mich hinein. Den Körperbau meiner Katze darf nur ich kritisieren.
    Die Nachbarin über mir öffnet die Tür und schaut sich Tammys Übungen auf dem Teppich an. „Wollen wir sie mal mit Sir Henry zusammenbringen?“ Ehe ich noch ein Nein herausbringen kann, sitzt Henry schon in der Tür. Tammy kommt näher, schaut ihn sich an, sieht sein missmutiges Gesicht und knurrt. Henry dreht ab. Sein Blick sagt deutlich und verächtlich: Zicke.
    Die Batterie an Leckereien, die ich gekauft habe, ist für Tammy völlig uninteressant. Sie kennt nichts außer Trockenfutter. Die Leckereien wandern alle zu Whisky. Die wenigstens ist dankbar. Wenn ich mal nichts mitbringe, ernte ich empörte Blicke. Allerdings finde ich nach vielen Versuchen ein Leckerchen, das Tammy mag. Es hat den tollen Namen „Katzenkuller“. Nein, es ist nicht so, dass sie sich darauf stürzt und es zerbeißt. Das wäre wirklich zu viel verlangt von ihr. Sie leckt. Ich sitze da, halte diese blöde Kugel zwischen zwei Fingern, und Tammy leckt sie minutenlang wie ein Eis. Erst wenn das Leckerchen ganz flach und dünn ist, wird es gefressen.
    Ich überlege mir eine Futterumstellung. Nassfutter ist ja noch genügend da. Zunächst die radikale Methode: Trockenfutter weg, Nassfutter hin. Ich werde anklagend angeschaut. Nach drei Tagen Futterverweigerung gebe ich auf. Dann lege ich Trockenfutter aufs Nassfutter. Das ist auch eklig. Ich probiere es mit eingeweichtem Trockenfutter. Abscheu steht in den Augen. Ich besprühe das Trockenfutter mit ein wenig Wasser. Tammy verweigert auch das. Ich kapituliere. Sie hat gewonnen, vorerst.
    Ein Jahr ist vergangen. Tammy spielt noch immer gern. Jeden Abend werde ich aufgefordert. Große, erwartungsvolle Augen schauen mich an. Inzwischen habe ich eine Batterie an Fellmäusen, Bällen, Federangeln und Klingelspielzeug angeschafft. Das meiste davon ist für sie völlig uninteressant. Allein zwei Bälle liebt sie, den schon ziemlich gerupften Sisalball und einen Gummiball. Der ist eines Tages verschwunden. Einen Monat später finde ich ihn. Tammy gibt Glücklaute von sich, als sie ihn wiedersieht. Sie spielt nun auch für sich allein. Ein Alukügelchen ist ihr größtes Glück. Das wird durch die Küche gepfeffert, traktiert, gejagt. Auch hier höre ich immer wieder Glückslaute. Aber sie liebt auch Papiertüten, besonders die vom Bäcker. Dort springt sie rein, lässt sich herumtragen, und wenn sie platt sind, kann man wunderbar auf ihnen über den Teppich schlittern. Dafür ist er gut genug. Außerdem macht es Spaß, ein Stück Schnur zu verfolgen, das unter einer Decke verschwindet. Das kann gar nicht lange genug gehen.
    Zusätzlich steht noch eine kleine Sisaltrommel da, in der Mäuse befestigt sind. Ich liege lang auf dem Teppich und bewege die Mäuse. Eines Tages legt sich Tammy an meine Seite, mit Körperkontakt. Das ist das erste Mal. dass sie sich freiwillig an mich schmiegt. Für mich ist es der endgültige Durchbruch. Treffen wir uns in der Dunkelheit, gibt es keine Schläge mehr. Tammy gibt leise Laute von sich, so dass ich immer weiß, wo ich nicht hintreten darf.
    Wir blinzeln uns schon lange zu, immer wieder. Tammy liegt gern auf dem Fensterbrett im Arbeitszimmer. Natürlich blinzeln wir wieder. Sie schaut zu mir rüber voller Mutterliebe, wälzt sich und fällt herunter. Beleidigt zieht sie ab. Überhaupt scheint sie mich mit einem Kitten zu verwechseln. Mit Lockrufen läuft sie vor mir her und führt mich zu dem Futternapf. Der ist immer noch voll. Sie hat wohl Sorge, dass ich nicht genug zu essen bekomme. Bei meiner Figur äußerst unwahrscheinlich. Kurz überlege ich, knie mich hin und tu so, als ob ich fresse. Tammy sitzt stolz daneben. Fehlt nur noch, dass sie mir über den Kopf streicht. Gott sei Dank kann mich hier niemand beobachten. Am Wassernapf macht sie ähnliche Spielchen.
    Außer dem Blinzeln habe ich noch mehr Katzensprache gelernt: Heftig schlagender Schwanz heißt: Ich darf nicht streicheln. Heftig schlagender Schwanz heißt: Ich darf streicheln. Seitliches Hinstellen, Aufplustern, Katzenbuckel und seitwärts Hüpfen heißt: Ich will spielen. Seitliches Hinstellen, Aufplustern, Katzenbuckel und seitwärts Hüpfen heißt: Wenn du mir jetzt zu nahe kommst, gibt es etwas auf die Löffel.
    Dermaßen schlau, sehen meine Hand und mein Unterarm immer noch aus, als seien sie in den Fleischwolf geraten. Meine Ärztin ist entsetzt. „Kommt das von Ihrer Mutter?“ Natürlich nicht. Meine Mutter ist zwar pflegebedürftig, aber sie beißt und kratzt nicht. Ich erkläre. „Meinen Sie, das wird irgendwann mal besser?“ „Ja, sicher, spätestens wenn Tammy keine Zähne mehr hat und sich nicht mehr bewegen kann.“
    Ich mache jetzt Vertrauensübungen mit Tammy. Jeden Tag hebe ich sie kurz an und setze sie gleich wieder ab. Die erste Zeit wehrt sie sich, als ginge es um ihr Leben. Nach Monaten kann ich sie im Arm halten. Wenn ich so mit ihr am Fenster stehe, bleibt sie minutenlang ruhig. Allerdings stützt sie sich vorsichtshalber mit einer Pfote an der Scheibe ab. Man kann ja nie wissen.
    Wenn sie mal wieder auf den Hängeschränken in der Küche sitzt und absteigen will, biete ich ihr meinen Rücken als Sprungbrett. Irgendwann kapiert sie. Wir üben überall. Wenn ich Pech habe, springt sie nun auf meinen Rücken, wenn ich mich bücke. Dann setzt sie sich, fängt an, sich zu putzen oder fummelt in meinen Gesäßtaschen herum. Ich muss in gebückter Stellung bleiben, bis sie sich bequemt, wegzuspringen. Das bringt mir einen starken Rücken. Hoffe ich.
    Ich habe ihr ein Bettchen gekauft und lege es erst einmal auf mein Bett. Wie mache ich der Katze klar, dass sie sich dort reinlegen kann? Muss ich nicht, denn Tammy hat es sofort adoptiert. Sie liebt es. Sie liebt es sogar so sehr, dass sie sich auch reinlegt, wenn das Bettchen nachts mal herunterfällt.
    Im zweiten Jahr habe ich den Balkon so weit hergerichtet, dass Tammy sich dort ungefährdet aufhalten kann. Aber die geöffnete Balkontür kühlt das Wohnzimmer aus. Meine Mutter friert. Also Balkontür zu, alle paar Minuten schauen, ob die Katze rein will. Das ist nervig. Tammy sitzt immer an derselben Stelle, wenn sie ins Zimmer zurück will. Mir kommt eine Idee. Ich kaufe eine Funkklingel und lege den Sender unter den Kunstrasen. Es funktioniert. Dann telefoniere ich mit meinem Bruder. Die Klingel geht los. Ich entschuldige mich. „Ich muss mal die Balkontür aufmachen, meine Katze klingelt.“ „Ja, sicher …… DIE KATZE KLINGELT???“
    Tammy schnurrt, aber ich merke es im allgemeinen nur durch Vibrationen an ihrem Hals. Sie kann es allerdings auch laut. Ich will sie gerade loben, da sehe ich Panik in ihrem Blick, als ob sie etwas Verbotenes getan hat. Sie rennt weg und versteckt sich. Was hat man diesem Tier nur angetan, dass es noch nicht einmal wagt, laut zu schnurren?
    Fast drei Jahre sind vergangen. Tammy ist noch immer keine Schmusekatze. Ihr Bauch ist ihr immer noch heilig. Der darf keinesfalls gestreichelt werden. Seltsamer Weise darf ich ihn aber küssen. Zwar bin ich nicht mehr zerkratzt, aber Fremden gegenüber ist sie immer noch misstrauisch. Sie hat begonnen, sich den Bauch kahl zu putzen. Die Tierärztin meint, es sei eine psychische Störung und man könne dagegen wenig machen. Ich überlege, ob sie sich vielleicht einsam fühlt. Aber eine zweite Katze kann ich mir eigentlich nicht leisten. Mir kommt ein Zufall zu Hilfe: ein Märzgewitter.
    Liebe Grüße von Jutta mit Tammy, der Queen, Mimmi, dem Erdmännchen, und Lilly, der Zauberfee


  21. #21
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    Aurea Moguntia
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    Boah ist das fies. Du kannst doch jetzt nicht einfach aufhören ...

    Das ist ja mindestens genauso schlimm wie früher die Weihnachtsmehrteiler im Fernsehen ... immer an der spannendsten Stelle hörten sie auf.

  22. #22
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    ........ Du bist schlimmer als die privaten Sender... immer die Pinkelpausen, wenns spannend wird

  23. #23
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    So ein Cliff-hanger ist doch schön.
    Liebe Grüße von Jutta mit Tammy, der Queen, Mimmi, dem Erdmännchen, und Lilly, der Zauberfee


  24. #24
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    Tja selbst schuld,Du wirst weiter machen müssen
    "Was Du nicht willst das man Dir tut,das füg' auch keinem anderen zu"
    Liebe Grüße Melanie mit
    sowie den Pflegekatzen Ashanti,Sarabi,Akela und Susi

  25. #25
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    Tammy

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  26. #26
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    Ich finde die Pause gut. Die Geschichte ist so schön, da könnte ich stundenlang weiterlesen. Aber die Arbeit ist kein Frosch - sie hüpft nicht davon.
    Und wenn die Geschichte eine Pause macht, kann ich arbeiten, auch wenn ich lieber weiterlesen würde.
    Liebe Grüße von Sabine mit



    & den Regenbogenkatzen - für immer im Herzen

  27. #27
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    Jutta Du wartest jetzt aber nicht bis März mit dem Weiterschreiben und dann vielleicht noch auf ein Gewitter

    DANKE es ist einfach schön hier zu lesen ....weiter so aber NICHT bis März warten gelle
    Viele Grüße von Tina mit der Rasselbande Krümel, Jeanny, Hasi, Mamile, Prinz Leo und Boxer




    Für immer im Herzen:
    Schnecke 2007, Brummi 2011, Mümmel 2/2014 mit Lola 4/2014
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    Ich werde Euch nie vergessen

  28. #28
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    Gibt es schon was neues

    Oder ist immer noch Pause, auch Frösche müssen mal hüpfen
    Liebe Grüße von Carola, Belle, Lina, Freddie und Tizia

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  29. #29
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    Zitat Zitat von linabelle Beitrag anzeigen
    Gibt es schon was neues

    Oder ist immer noch Pause, auch Frösche müssen mal hüpfen
    Bin gerade dabei, den Rest zu schreiben.
    Liebe Grüße von Jutta mit Tammy, der Queen, Mimmi, dem Erdmännchen, und Lilly, der Zauberfee


  30. #30
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    Zitat Zitat von CaveCanem Beitrag anzeigen
    Bin gerade dabei, den Rest zu schreiben.
    Ich wollte Dich nicht drängen, nur vorsichtig und ganz lieb nachfragen

    ( und trotzdem freue ich mich schon)
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  31. #31
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    Zitat Zitat von linabelle Beitrag anzeigen
    Ich wollte Dich nicht drängen, nur vorsichtig und ganz lieb nachfragen

    ( und trotzdem freue ich mich schon)
    Weiß ich doch.
    Liebe Grüße von Jutta mit Tammy, der Queen, Mimmi, dem Erdmännchen, und Lilly, der Zauberfee


  32. #32
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    Stört sie doch nicht!!!!! Laß sie schreiben, Carola

  33. #33
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    Märzgewitter
    Anfang 2006 komme ich erst einmal zu dem Schluss: Nein, eine zweite Katze kommt mir nicht ins Haus. Ein mit Fransen verzierter Sessel reicht mir. Wer weiß außerdem, ob ich nicht wieder so eine Beißzange erwische? Für Tammys kahlen Buch gibt es einen anderen Grund, nicht Einsamkeit.
    Es ist August/September 2005. Durch den Garten eines Berliner Außenbezirks streicht ein kleiner Tiger, vier bis fünf Monate alt. Die Frau füttert die Katze. Dann hat sie Besuch von ihrem Neffen. Die Terrassentür steht offen, die Heizung ist an. Es regnet in Strömen und ist kalt. Der kleine Tiger marschiert pudelnass ins Zimmer, kümmert sich nicht um den kreischenden Perserkater, springt auf die Fensterbank über einer Heizung, rollt sich zusammen und fällt augenblicklich in Tiefschlaf. „Die muss wieder raus.“ Die Tante fürchtet um ihren Kater, der vor lauter Fauchen kurz vor einem Herzinfarkt steht. Der Neffe ist von der kleinen Persönlichkeit beeindruckt. „Ich nehme sie.“ Sie schauen sich das Tigerchen näher an. Das Fell lebt. Es wird das Flohpulver geholt. Der Tiger rührt sich nicht.
    Februar 2006: Aus der Wohnung meiner Nachbarin klingt unheimliches Geheul. Es geht durch Mark und Bein. Whisky! Ich klingel. Meine Nachbarin schaut mich müde an. „Unser Freund hat uns seine rollige Katze gebracht, weil er nicht schlafen kann. Er kann sie auch nicht mehr zurücknehmen. Er ist zu oft auf Montage.“ Ein Tigermädchen zeigt sich: struppiges Fell, ewig langer Körper, kurze Beine: Dackelkatze. Das Mädel ist lieb, anschmiegsam, sensibel, sehr kommunikativ und braucht viele Streicheleinheiten. Ich seufze. So eine Katze habe ich mir gewünscht, obwohl ich Tammy nie wieder hergeben würde. Aber nein, ich will keine zweite Katze. Wirklich nicht. Die Katze schmust mit mir. Die Nachbarin schaut mich an: „Willst du sie haben?“ „Niemals!“ Die Katze pinkelt auf die Couch.
    Das Tigerchen soll kastriert werden und, wenn sich niemand für sie findet, ins Tierheim kommen. Die Nachbarn können sie nicht behalten, denn Whisky, inzwischen über 22 Jahre alt, ist mit dem Jungspund völlig überfordert. Ich erzähle meiner Mutter von der Katze und höre ein mitleidvolles „Oooch“. Ich ahne Schlimmes.
    In den nächsten Tagen werde ich von meiner Nachbarin immer wieder in die Wohnung gebeten. Ob sie Hintergedanken hat? Das Tigerchen freut sich, wenn es mich sieht. Ich bringe ja auch immer Leckerchen mit. Und dann sehe ich es: Das Tigerchen spielt Erdmännchen. Immer wieder. Ich schmelze, zumindest innerlich. Tigerchen heißt Mimmi, und das teilt sie auch jedem mit. Sie läuft durch die Wohnung und brabbelt „Mi Mi Mi Mi“ vor sich hin. Zwischendurch donnert sie über die Couch, versucht, Whisky zum Spielen zu animieren, oder jault, was das Zeug hält. Whisky ist nur noch genervt und faucht sogar ihre Dosis an.
    Ich gehe in mich. Die Kastration bezahlt noch der Vorbesitzer. Das Futter fällt nicht ins Gewicht, denke ich. Eine junge Katze sollte auch gesund sein, also außer der Impfung wäre nicht viel zu bezahlen. Es dauert nicht lange, und ich bin weich geklopft. „Na, Mimmi, möchtest du zu mir kommen?“ „Mäh.“ „Meinst du, du kommst mit Tammy zurecht?“ „Miii.“ Ich interpretiere die Antworten als Zustimmung.
    „Mimmi kommt.“ Meine Mutter ist begeistert. Ich kann es verstehen. Für Tammy ist meine Mutter nicht existent. Mir ist trotz allem sehr mulmig im Magen, weil ich nicht weiß, wie meine Zicke reagieren wird, wenn so ein Jungspund einzieht.
    Mimmi soll erst nach der Kastration bei mir einziehen, wenn sie sich erholt hat. Mit einer frisch operierten Katze möchte ich keine Zusammenführung starten. Die Operation ist für den 7. März angesetzt, die Mutter des Noch-Halters wird sich die Tage davor und danach um Mimmi kümmern. Ich habe Zeit, mich auf die Zusammenführung vorzubereiten. Denke ich jedenfalls. Dann klingelt es plötzlich. „Kannst du Mimmi für drei Tage nehmen? Whisky dreht am Rad.“ Ich schlucke. Mimmi zieht ein.
    Liebe Grüße von Jutta mit Tammy, der Queen, Mimmi, dem Erdmännchen, und Lilly, der Zauberfee


  34. #34
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    Ich habe es geahnt. Tammy sträuben sich die Haare. Der Schwanz peitscht. Dann beginnt die wilde Jagd. Mimmi drückt sich unter den Sessel, Tammy ist zu groß dafür. Den ganzen Abend gibt es Gebrumme, Gefauche, Gejaule und wilde Jagden, Pfotenhiebe und schließlich auch eine Prügelei. Die Kleine tut mir Leid, aber sie scheint völlig unbeeindruckt und verhält sich defensiv. Tammy verbarrikadiert sich im Bad, bewacht das Katzenklo. Sie faucht mich an und haut nach mir, als ich sie wegschieben will. Mimmi rennt quasi schon mit gekreuzten Hinterbeinen herum und jammert, so nötig muss sie. Schnell muss ein zweites Katzenklo her: Waschschüssel, Streu rein, Türen zu. Den Strahl der Erleichterung hört man durchs ganze Haus.
    Tammy zieht aus meinem Bett aus. Sie will nichts mehr mit mir zu tun haben und übernachtet im Arbeitszimmer. Mimmi rennt die halbe Nacht relativ unbehelligt durch die Wohnung. Morgens um 4.00 sehe ich sie im Flur und rufe. Mit Anlauf und mit einem begeisterten „MImimimi“ springt sie ins Bett und schmiegt sich an mich. Wir schlafen noch eine Runde.
    Die nächsten Tage verlaufen relativ ruhig. Tammy bleibt im Arbeitszimmer, wird aber immer unleidlicher. Sie frisst kaum noch. Dann wird Mimmi abgeholt. Ich stelle meine Entscheidung in Frage. Trotzdem durchforsche ich das Internet, immer unter dem Stichwort „Katzenzusammenführung“. Nicht alles, was ich lese, ist hilfreich, nicht alles ist ermutigend. Aber ein paar Tipps bekomme ich schon. Ein zweites Katzenklo wird so aufgestellt, dass Tammy nicht beide bewachen kann. Feliway beduftet meine Wohnung. Eine Blechbüchse wird mit Münzen gefüllt. Ungeduldig warte ich auf den großen Tag. Dann kommt die Nachricht: Die Katze bleibt bei der Mutter des Vorbesitzers. Ein Wink des Schicksals?
    Meine Mutter ist zutiefst enttäuscht. Bei mir überwiegt zunächst die Erleichterung. Was ich dann höre, ist nicht beruhigend. Zwar putzt Mimmi dem dortigen Kater die Ohren, wenn er schläft, aber sie ist schon mehrfach ausgebüxt, die Frau auch schon über sie gefallen. Dann wird mir klar: Ich will meine Mimmi haben. Also anrufen, erklären und bitten. Es klappt. Mimmi zieht am 18. März 2006, fast 3 Jahre nach Tammy, bei mir ein.
    In der Wohnung tobt ein heftiges Märzgewitter, das sich auch die nächsten Monate kaum abschwächt. Die Zusammenführung ist schwierig, von Rückschlägen begleitet. Es dauert mehr als sechs Monate, ehe relative Ruhe einkehrt. Wirkliche Freunde werden die Beiden nie, aber sie finden einen Modus vivendi, und die Auseinandersetzungen halten sich im Rahmen.
    Das Spielen ist von nun an schwieriger. Ich muss die Katzen zunächst dafür trennen, um Streit zu vermeiden. Mimmi liebt den Catdancer. Da geht es rund, bis vor Schwindelgefühlen wirklich die Hinterbeine gekreuzt sind.
    Mimmi ist ein Goldstück, im wahrsten Sinne des Wortes. Immer wieder ist sie krank. Die Tierarztkosten steigen über die Jahre immer mehr. Aber sie ist eine tolle Katze, spielt den Clown, ist verfressen und ein Tollpatsch. Wie oft sie zielgenau zwei Zentimeter zu kurz springt, kann ich gar nicht zählen. Die ersten Monate klaut sie alles, was essbar scheint. Sie holt sich gekochte Eier in ihren Fressnapf, ungeschälte Kartoffeln, Tomaten. Meine Socken weicht sie im Trinkbrunnen ein. Nichts ist vor ihr sicher. Leberwurstbrötchen, Putenbrust vom Tisch, man gönnt sich ja sonst nichts.
    Sie hat ein Lieblingsspielzeug entdeckt: eine kleine Socke mit einer Klingel. Die halbe Nacht trägt sie das Ding durch die Wohnung: klingeling, klingeling, klingeling. Nachts geht sie auf die Waage, die ständig piepst. Ich wache auf Fellmäusen, Federangeln, Bällen auf, die sie mir nachts ins Bett schleppt. Mindestens die Hälfte meines Betts nehmen nun die Katzen ein. Mimmi ist ein Drängler. Ich liege gequetscht an der Wand, stocksteif, während Mimmi äußerst bequem quer im Bett selig schläft und mir ständig die Bettdecke wegzieht. Wie bescheiden ist Tammy dagegen. Sie nimmt nur wenig Platz neben meinen Füßen ein. Trotzdem bin ich unter meiner Decke festgenagelt und kann mich kaum umdrehen. Von wegen: Mein Bett gehört mir. Eines Morgens werde ich wach, weil mein ausgestreckter linker Arm schmerzt. Mimmi liegt auf dem Rücken, ihre Hinterbeine auf meinem Arm, und schaut zum Fenster raus. Wenigstens hat sie nicht noch die Vorderfüße hinter ihrem Kopf verschränkt.
    Eine Morgens trägt Mimmi etwas Merkwürdiges in der Schnauze: stolz, Schwanz aufgerichtet, fröhlich hüpfend. Ich schaue näher hin: Es ist das Gebiss meiner Mutter! Sie will es nicht hergeben, lässt aber doch los. Ich spüle es und setze es, ohne rot zu werden, meiner Mutter wieder ein. Den ganzen Tag kann ich ein Kichern nicht unterdrücken.
    Mimmi ist eine Stehpinklerin. Mit Lust und zitterndem Schwanz steht sie am Rand des Katzenklos und pinkelt zielgerichtet über diesen hinweg, selbst beim höchsten offenen Klo, das es zu kaufen gibt. Es nutzt nichts, es müssen wieder Haubenklos her. Beide Katzen haben keine Probleme damit. Allerdings schafft es Mimmi immer wieder, mit nassem Hintern und Bauch aus dem Klo zu kommen. An „gewissen“ Stellen verklebt sich ihr Fell mit der Streu. Mühsam sitze ich da und kratze es aus dem Fell. Ihr gefällt es sogar. Als ich es mit einem warmen Waschlappen versuche, trampelt sie vor Freude.
    Sie hat keine Angst vor Wasser. Am geöffneten Wasserhahn lässt sie sich das Wasser über den Kopf und über die Brust perlen. Die Pfoten sind patschnass. Dann läuft sie ins Klo und kommt mit panierten Pfoten wieder heraus. Wirklich nett ist es dann, wenn sie damit ins Bett springt und ich nachts auf Katzenstreu schlafe.
    Mimmi hat Fellmäuse zum Fressen gern. Ihnen wird der Schwanz abgebissen, die Torsi sammelt sie hinter dem Fernseher, säuberlich in Reih und Glied hingelegt. Sie apportiert. Die Fellmäuse werden immer wieder vor die Füße gelegt. Leider auch vor die Füße meiner Mutter, die oft nur die Krallen spürt und dementsprechend aufkreischt. Aber Mimmi schläft auch bei ihr im Bett, lässt sich streicheln. Sie geht mit mir alle befreundeten Nachbarn besuchen und fühlt sich überall pudelwohl. Zielgerichtet geht sie zu denen, die gerade Probleme haben, und lässt sich bei ihnen nieder. Sie ist einfach ein Sonnenschein.
    Manchmal geht aber auch der Mond auf. Immer dann, wenn Mimmi nicht ihren Willen bekommt. Wenn ich ihr etwas verbiete, nölt sie wie ein bockiges Kind. Einmal springt sie ärgerlich auf die Anrichte, entdeckt meinen Lieblingskaffeebecher, guckt mich herausfordernd an und – schiebt ihn runter. Tausend Scherben. Mimmi hüpft hinterher und will eine riesige Scherbe ins Maul nehmen. Ich kann nur noch „Nein, Nein, Nein“ brüllen und schaffe es, vor ihr die Scherbe zu erreichen. Tammy kommt hinzu, haut Mimmi eine runter und marschiert davon. „Das hast du nun davon“, sagt ihr Blick.
    Kaffeebecher stehen nicht mehr auf der Anrichte. Auf dem Fußboden neben dem Schreibtisch stehen festverschlossene PET-Flaschen. Will die Kleine etwas und bekommt es nicht, dann werden die Flaschen umgekippt, immer mit dem „gewissen“ Blick in den Augen, die fest auf mich gerichtet sind.
    Mein Bruder und meine Schwägerin kommen zu Besuch. Sie wissen noch nichts von Mimmi. Mein Bruder erstarrt, als er sie sieht. „Jetzt wirst du wunderlich“, ist sein Kommentar. Ich schmolle. Mimmi legt sich neben ihn und prostituiert sich. Mein Bruder sitzt stocksteif da. „Mein Gott, nun streichel sie doch endlich!“ „Katzen beißen und kratzen mich immer.“ Dann krault er ihr aber doch den Bauch und – nichts passiert. Ich decke den Tisch, Kuchen, Sahne, Kaffee, Kondensmilch. Es ist der Tisch, den die Katzen benutzen dürfen. Ich bete. Es nützt nichts. Tammy springt rauf, stolziert zur Kondensmilch und hält die Nase rein. Ich huste, damit man die Schlabbergeräusche nicht hört. Dann geht sie zur Sahne. Meiner Schwägerin ist es zu viel. „Nimm die Sahne weg, sonst hängt sie ihre Zunge da auch noch rein!“ Sanft hebe ich Tammy vom Tisch. Der Besuch isst und trinkt mit langen Zähnen.
    Tammy hat sich in der Zwischenzeit den Bauch bis hoch zur Brust kahl geputzt. Es ist tatsächlich nicht Einsamkeit, die sie dazu bringt. Pfingsten 2009 stirbt meine Mutter. Tammy ist davon völlig ungerührt. Sie erobert jetzt das Wohnzimmer. Mimmi dagegen trauert wochenlang. Sie ist verstört, frisst schlecht und liegt nur noch auf dem Sessel meiner Mutter. Doch irgendwann ist sie wieder die Alte. Und Tammy hört auf, sich das Fell herauszuputzen. Die kahle Stelle wird kleiner.
    Mimmis zweites Zuhause ist bei den Nachbarn, wo sie ein paar Wochen wohnte. Sie will immer mitkommen, wenn ich rübergehe. Whisky muss im April 2008 über die Regenbogenbrücke, fast 25 Jahre alt. Ihr Kratzbaum bleibt stehen. Mimmi möchte zu gern rauf, ungeschickt klettert sie von Plattform zu Plattform. Sie benutzt immer die schmalste Stelle und hängt plötzlich am obersten Brett und schreit. Ich muss sie tatsächlich am Hintern abstützen, damit sie nicht herunterfällt. Was für eine Katze! Seit 2010 wohnen nun Mona Lisa und Pelé dort, zwei Senioren aus dem Tierheim. Mona ist freundlich zu Mimmi, Pelé bekommt fast einen Kerzkasper, wenn er sie sieht. Aber er gewöhnt sich an sie.
    Mimmi bleibt eine Traumkatze, ein Drängler im Bett, ein Widersprecher. Sie kommt nun auch unter die Bettdecke, um dort ein wenig zu schlafen. Vorher möchte sie aber immer gern meinen Bauch putzen und schiebt mein Shirt hoch. Manchmal auch zu hoch. Aber ich bin ja tapfer. Tammy ist milder geworden, aber kehrt immer noch die Chefin heraus. Mimmi lässt sich jedoch nicht die Butter vom Brot nehmen und wehrt sich nun öfter. Nun kann es passieren, dass Tammy mal Kratzwunden hat. Der darf ich ab und zu nun den Bauch streicheln. Als sie krank ist, schläft sie dicht an meinem Kopf. Das Eingeben von Tabletten ist bei ihr sogar einfacher als bei Mimmi. Sie sind kein Traumduo, aber sie haben sich aneinander gewöhnt. Und ich habe mich daran gewöhnt, im Bett keinen Platz zu haben.
    Liebe Grüße von Jutta mit Tammy, der Queen, Mimmi, dem Erdmännchen, und Lilly, der Zauberfee


  35. #35
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    Die Geschichte ist sooo süüß...
    Vielen Dank dafür!

    LG von Horsefriend mit Eddy&Sally und den Regenbogenfellnasen Sammy&Cleo

  36. #36
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    Wer braucht schon Platz im Bett???? Also manche Leute haben echt komische Bedürfnisse

    Sehr schön! Danke für die vielen Lacher.... und Wiedererkenner

  37. #37
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    du schreibst wirklich toll, eine sehr schöne Geschichte.

    Und Platz im Bett wird überbewertet


  38. #38
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    Soooooo schön Jutta

    Danke
    Liebe Grüße von Carola, Belle, Lina, Freddie und Tizia

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    Für immer im Herzen meine Regenbogenkinder
    Meine Regenbogenkinder

  39. #39
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    So toll geschrieben Jutta
    schöne Grüße von Yvonne
    mit


  40. #40
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    klasse erzählt, liebe Jutta!

    Danke für die schöne Zeit: Merlin (2002 - 2018), Orko (2001 - 2019) und Gandalf (2002 - 2016)


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