Schützenhilfe

Das Leben hat so seine Haken und Ösen, sagt man.
Immer wieder ergeben sich Situationen, aus denen man sich nur mit Geschick und Redegewandtheit herauswinden kann, ohne jemand vor den Kopf zu stoßen.
Da freut man sich immer, wenn man unverhofft Schützenhilfe bekommt.
Und sollte diese Schützenhilfe felider Natur sein, dann wehe dem Besiegten!
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Ich liebe, ausser dem Katzenvolk natürlich, Flohmärkte und Kochen.
Beides lässt sich sehr gut vereinen, wenn man auf eben so einem Flohmarkt quasi für einen Apfel und ein Ei ein Küchengerät ersteht, das man sich neu allein schon wegen des horriblen Preises nicht leisten würde.
Jedenfalls war ich übermäßig erfreut, als ich um eben diesen Apfel und das Ei, sprich 3 Euro eine Bratpfanne eines Herstellers erweben konnte, die nur über seine Vertreter verkauft wird und nicht über den Einzelhandel. Und mal ehrlich, was sind heutzutage 3 Euro? Ich habe schon größere Beträge verfressen.
So weit so gut gekocht. Jedoch schien es mit der gepriesenen Qualität des Herstellers nicht ganz so weit her zu sein, den nach drei Monaten bricht ein Stück des Kunststoffstiels.
Nun, ich kann vieles reparieren und wenn ich Zeit dazu habe werde ich auch dieses wieder in Ordnung bringen.
Doch aus irgend einem Grund kam ich nicht dazu.
Dann kam der Herbst und mit ihm die Herbstmesse hier in der Stadt.
Normalerweise kümmere ich mich nicht darum, doch diesmal will ich hingehen, aus zwei Gründen. Zum einen habe ich eine Freikarte bekommen, zum anderen hat die VAG, die Städtischen Verkehrsbetriebe, auch einen Stand und da Tapsi in einem Promotion-Film der VAG mitgemacht hat, ist es eine Selbstverständlichkeit, daß ich zusammen mit dem Kater einen Messerundgang mache. Natürlich erregt das rote Fellbündel auf meiner Schulter schon einiges Aufsehen und ich werde des öfteren angesprochen. Tapsi nimmt das alles mit absoluter Gelassenheit zur Kenntnis. Pffff.... was machen die Zweibeiner nur für ein Aufheben?
Da gibt’s viele Stände, doch die meisten sind für mich nicht so interessant. Einige schaue ich jedoch schon näher an, denn da gibt es Tierfutter und sonstige Dinge, auch für Katzen.
Am VAG-Stand werden wir auch herzlich begrüßt und für den Rotbepelzten fallen jede Menge Streicheleinheiten und für mich ein Glas Sekt ab.
So, und dann will ich mal sehen was es sonst noch so auf dieser Messe gibt.
Nun, das meiste ist für mich und ich vermute mal auch für meine Fellnase von eher geringerem Interesse.
Es gibt auch einen Außenbereich. Dort sind große Zelte aufgestellt worden, weil die Hallen die Menge der Aussteller nicht fassen.
In einem dieser Zelte ist ein größerer Stand eben dieses Herstellers von Küchengeräten, ziemlich groß und mit einer Sitzgruppe, in der wohl Verkaufs- und Beratungsgespräche stattfinden.
Und das ist genau die Firma, welche die oben erwähnte Pfanne hergestellt hat.
Da könnte man ja unverbindlich fragen ob so ein Pfannenstiel als Ersatzteil erhältlich ist, es würde mir eine aufwändige Reparatur ersparen.
Wie erwähnt, ist ja AMC-Kochgeschirr nicht im Handel erhältlich.
Und so spreche ich einen der Vertreter an.
Der findet erst mal keine Worte und stiert nur ungläubig den krallenbewehrten Steuermann auf der Schulter an.
Dann hat er sich gefangen und ich kann mich nach einem Ersatzstiel erkundigen.
Doch ja, das gäbe es und er hätte sogar welche da. Na super, genial!
Und dann holt er tatsächlich auch zwei verschiedene Pannenstiele aus einem Karton und fragt mich, welchen ich denn bräuchte. Oh, das weiß ich jetzt wirklich nicht, mir war nicht bewusst, daß es verschiedene Modelle dieser Pfanne gibt.
Tapsi auf der Schulter interessiert sich nicht sonderlich für Pfannenstiele und beginnt derweil, sich so bequem wie möglich auf der erwähnten Schulter häuslich einzurichten.
Auf meine Frage, was denn die Pfannenstiele kosten würden, kommt als Antwort des Vertreters, daß er die mir schenken würde, sozusagen als Service.
Und er läd mich ein, mich doch zu setzen, er würde mir ein Angebot unterbreiten, welches ich schwerlich ausschlagen könne.
Aus Höflichkeit und weil er mir die Stiele geschenkt hat, lasse ich mich, den Kater auf der Schulter, in der Sitzgruppe nieder.
Sofort wittert der Starvertreter der ultimaten Küchengeräte Morgenluft.
Einfach fantastisch, dieses Kochgeschirr, geniales Patent, schon seit Jahrzehnten, unübertroffen, und, und, und...
Nur der Preis bewegt sich in der Nähe eines Mittelklassewagens.
Nun, wie gesagt, ich will nicht unhöflich sein, daher versuche ich unter Aufbietung aller diplomatischen Spitzfindigkeiten ihm klarzumachen, daß mein Interesse an seinen Produkten gegen null tendiert, ohne ihm vor den Kopf zu stoßen.
Tapsi sieht derweil so ziemlich gelangweilt aus.
Er macht das, was er immer macht, wenn es ihm langweilig ist, er springt von meiner Schulter.
Möglicherweise existiert auf dem Boden etwas, das von felidem Interesse sein könnte.
Er schüffelt hier er schnüffelt da, nur Beine der Messebesucher, ansonsten ist überall tote Hose.
Dann streift der Kater dem Vertreter um die Beine. Während der mir in euphorischen Worten seine hoffnungslos überteuerten Produkte wie Sauerbier anpreist, wandert seine Hand in Richtung des Rotbepelzten und beginnt ihm den Kopf zu kraulen, was der sichtlich genießt.
Nur aus den Augenwinkeln kann ich erkennen was dann passiert.
Denn offensichtlich gefällt dem Kater das Kopfkraulen so gut, daß er beschließt, den wortgewandten Laberbolzen zu seinem Besitz zu erklären.
Im Gegensatz zu uns primitiven Zweibeinern benutzt das rote Katertier allerdings eine sehr viel effiziente Methode.
Er dreht sich um, sein Hinterteil dem Hosenbein des Verkaufsgenies zugewandt, dann vibriert der erhobene Schwanz für einige Sekunden. Oh, oh!
Ich bin nur der Dosenöffner, ich habe nichts gesehen, es geht mich auch nichts an, was der Kater so treibt, andere Baustelle, nix versteh’n...
Jedenfalls ist ein ziemlich großer feuchter Fleck am Hosenbein meines Gegenübers zu sehen.
Der hat allerdings noch nichts bemerkt. Und ich... wie gesagt, andere Baustelle!
Doch irgendwie scheint es mir, daß die Euros, die sich bisher vor seinem inneren Auge getummelt haben, so langsam von etwas Feuchten, möglicherweise Nassen, durchsetzt werden, das von seinem rechten Bein ausgehend in seine Gehirnwindungen sickert.
Jetzt fasst er sich an sein Hosenbein und abrupt wird sein Redefluss unterbrochen.
Er steht schlagartig und ohne ein Wort auf. Dann murmelt er nur kurz: "Entschuldigen Sie bitte." und verschwindet in den Tiefen des Standes.
Tapsi befürchtet das Schlimmste und flüchtet auf meine Schulter, ganz das Unschuldslamm.
Jetzt wäre eigentlich der Zeitpunkt gekommen, den taktischen Rückzug anzutreten um mich diskret aus der Affäre zu ziehen.
Gedacht, getan und vor dem Zelt atme ich erst mal tief durch.
Tapsi jedenfalls bekommte einen Riesenstreichler und wir machen uns wieder auf den Weg in die Hallen. Denn jetzt werde ich an einem Stand für Tierfutter erst mal ein ganz großes Leckerlie für den Kater kaufen.
Denn solcherart Schützenhilfe muss unbedingt belohnt werden!
Was der Verteter jetzt macht, interessiert mich, und ich denke mal, auch Tapsi, nicht sonderlich. Sollte er aber diese Zeilen lesen, so wird er sich wohl sehr genau an diese Episode erinnern und hoffentlich in seinem Gedächnis verankern, daß man auch mit den besten Verkaufsargumenten nicht gegen den massiven Einsatz felider Strategie ankommt.
Da wäre es doch eine Überlegung wert, bei Verhandlungen aller Coleur immer eine Samtpfote dabei zu haben.
Denn deren Argumente ist nichts entgegenzusetzen.
Miau!