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Thema: Schau' ich in die tiefste Ferne . . .

  1. #1
    Registrierungsdatum
    30.04.2004
    Ort
    Wien
    Beiträge
    8.862

    Schau' ich in die tiefste Ferne . . .

    Ich denk einmal, Putzis Geschichte hat einigen von euch gut gefallen, weil es eine Geschichte aus früheren Zeiten ist, die ein tierisches Leben beschreibt und zumindest für mich ein markanter Wegweiser war. Dazu fällt mir noch was ein, und zwar ein Gedicht von Friedrich Hebbel mit dem o.a. Titel. Leider ist das Gedicht viel trauriger als Putzis Geschichte, aber auch dieses Gedicht habe ich immer im Ohr. Für diejenigen unter euch, die es schon kannten, und für die (Jüngeren) unter euch, die es vielleicht zum ersten Mal lesen.

    Schau ich in die tiefste Ferne
    meiner Kinderzeit hinab,
    steigt mit Vater und mit Mutter
    auch ein Hund aus seinem Grab.

    Fröhlich kommt er hergesprungen,
    frischen Muts, den Staub der Gruft,
    wie so oft den Staub der Straße,
    von sich schüttelnd in der Luft.

    Mit den treuen braunen Augen
    blickt er wieder auf zu mir,
    und er scheint, wie einst, zu mahnen:
    Geh' doch nur, ich folge dir!

    Denn in uns'rem Hause fehlte
    es an Dienern ganz und gar;
    doch die Mutter ließ mich laufen,
    wenn er mir zur Seite war.

    Besser gab auch keine Amme
    je auf ihren Schützling acht,
    und er hatte schärf're Waffen
    und gebrauchte sie mit Macht.

    Seine eig'nen Kameraden
    hielt er mit den Zähnen fern,
    und des Nachbars Katze ehrte
    ihn von selbst als ihren Herrn.

    Doch, wenn ich dem alten Brunnen
    spielend nahte hinterm Haus,
    bellte er mit heller Stimme
    meine Mutter gleich heraus.

    Er erhielt von jedem Bissen
    seinen Teil, den ich bekam,
    und er war mir so ergeben,
    dass er selbst die Kirschen nahm.

    Wie die beiden Dioskuren
    brachten wir die Tage hin,
    einer durch den andern glücklich,
    jede Stunde ein Gewinn.

    Macht' ich nicht auch halb vom Tode
    meinen treuen Pollux frei,
    ließ ich's nur, weil ich nicht ahnte,
    dass ich selbst der Kastor sei.

    Aber allzubald nur trübte
    uns der heitre Himmel sich;
    denn er hatte einen Fehler,
    diesen, dass er wuchs wie ich.

    Und an ihm erschien als Sünde,
    was an mir als Tugend galt,
    dass man mich ums Wachsen lobte,
    aber ihn ums Wachsen schalt.

    Immer größer ward der Hunger,
    immer kleiner ward das Brot,
    und der eine konnte essen,
    was die Mutter beiden bot.

    Als ich eines Morgens fragte,
    sagte man, er wäre fort
    und entlaufen wie ein Hase;
    doch das war ein falsches Wort.

    Noch denselben Abend kehrte
    er zu seinem Freund zurück,
    den zerbiss'nen Strick am Halse;
    doch das war ein kurzes Glück.

    Denn, obgleich er mit ins Bette
    durfte, ach, ich bat so sehr,
    war er morgens doch verschwunden,
    und ich sah ihn niemals mehr.

    Ward er an die Eisenkette
    jetzt gelegt von seinem Herrn,
    oder fiel sein Los noch härter,
    weiß ich nicht, doch blieb er fern!

    Schau ich in die tiefste Ferne
    meiner Kinderzeit hinab,
    steigt mit Vater und mit Mutter
    auch ein Hund aus seinem Grab.

    Um so ein Gedicht schreiben zu können, muss Hebbel die Tiere wohl sehr geliebt haben.

  2. #2
    Cheese Guest
    wunderschön und unsagbar traurig...... man kann den hund und den jungen fast vor sich sehen......

  3. #3
    Yola04 Guest
    Da muss ich Cheese zustimmen. Ein sehr schönes trauriges Gedicht.

  4. #4
    Harriet Guest
    Danke - ich kannte es noch nicht.
    Es ist wirklich bittersüß .

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