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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Gerhard´s 50te: Hunde als Weihnachtsgeschenk



Gerhard
18.12.2005, 11:12
Am 29. April 1945 wurde das Konzentrationslager Dachau befreit. Und damit auch die Kettenhunde in den Aussenlagern, die ausbrechende Häftlinge fassen sollten. Ich kam im Spätsommer 1945 infolge der Familienzusammenführung mit meiner Mutter und Schwester aus den USA zu unserem Vater, der als US-amerikanischer Offizier in der Nähe von Dachau stationiert war. Nach den Erzählungen meiner Mutter durfte ich mir im Dezember 1945 (ich war damals etwas über drei Jahre alt) als Weihnachtsgeschenk selbst einen Hund aussuchen. Dazu wurde ich zu einem Laufzwinger gefahren, in dem sich sechs Hunde in erbärmlichem Zustand befanden.

Das sind die weiteren Erzählungen meiner Mutter: Meine Auswahl war gleich getroffen. Ich wollte nicht einen, ich wollte alle Hunde haben. Dieser Wunsch wurde sofort akzeptiert. Als Leitender Offizier des Standorts und späterer General verfügte mein Vater - der, wie ich auch, ein Hundefan war - innerhalb der amerikanischen Siedlung über ein alleinstehendes Haus mit einem grossen Grundstück. Die Hunde, die zur Auswahl standen, waren der Rest der Schäferhunde aus dem ehemaligen Konzentrationslager bzw. aus dessen Aussenlagern. Alle Hunde hatten tiefe, jedoch bereits verheilte Wunden, die von der Kettenführung innerhalb der Lager hergerührt haben dürften.

Natürlich kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wieviel der sechs Hunde das erste Jahr bei uns überlebten. Aber seit dieser Zeit soll ich auf deutsche Schäferhunde stehen. Mein Vater hatte unter anderem zur Betreuung der Hunde einen ehemaligen russischen und einen ehemaligen polnischen Häftling aus den befreiten Konzentrationslagern angestellt. Seit damals feiere ich jedes Jahr mit meinen jeweils lebenden Schäferhün-
dinnen und -hunden das Hunde-Weihnachtsfest mit Zuckerhutfichte und allem, was für Hunde aus Menschensicht so dazu gehört bzw. dazu gehören sollte. Das waren die einzigen lebenden Weihnachtsgeschenke, die ich je erhielt.

Buddytier
18.12.2005, 19:27
Habt ihr denn keine Probleme gehabt mit diesen Hunden die ja auf Menschen gehetzt wurden?Vielleicht errinnerst du dich ja nicht mehr daran da du ja noch so klein warst aber genau aus diesem Grund hätte ich doch (als Mutter) Bedenken gehabt solch einen Hund (oder wie in eurem Fall gleich mehrere) aufzunehmen.

Gerhard
19.12.2005, 09:46
Liebe/r Buddytier,

ich gehe davon aus, dass vor 60 Jahren sogenannte Kampfhunde in Deutschland keine Rolle gespielt haben bzw. sogar unbekannt waren. Du wirst immer wieder erleben, wenn Du in die Nähe von Kettenhunden kommst, dass Du angebellt wirst. Das liegt nicht daran, weil die Tiere scharf sind. Die Hunde haben Angst. Da sie sich an der Kette befinden, haben sie nur eine geringe Rückzugsmöglichkeit. Ein bellender Hund beisst nicht. Das gleiche machen Hunde durch, die an der Leine geführt werden.

Mir fällt jetzt auch wieder ein, warum ich in meinem 40ten Beitrag "Der Wasserhund und der Schildbürgerstreich" so ungehalten über die Tatsache war, dass in Niedersachsen der Malariaverbreitung staatsseitig eine Chance gegeben wird. Meine Eltern übernahmen damals zwei kleine Mädchen aus dem ehemaligen Konzentrationslager, an denen Versuche mit Malaria gemacht worden waren. Beide Kinder starben innerhalb eines Jahres nach der Übernahme in unserer Familie.

Wie geht es Deinem Diktatorkater?

Buddytier
19.12.2005, 13:47
Da du in deiner Geschichte erwähnt hattest,daß diese Hunde da waren um ausbrechende Häftlinge zu stellen ging ich mal davon aus das es nicht nur "normale" Kettenhunde waren.Und nachdem was man so liest (bin Gott sei Dank zu jung um Zeitzeuge zu sein) sind diese Hunde in der Regel direkt auf den Mann abgerichtet worden.Oder irre ich mich da?Danke dem Kater gehts prima,er herrscht und tyranisiert.(wenn man ihn läßt)grins

Gerhard
19.12.2005, 17:25
Liebes/r Buddytier,

man kann jeden Hund auf Menschen ansetzen, wenn man weiss, wie. Ich bin unter anderem Inhaber einer Firma in Bandar Seri Begawan. Das ist in Brunei. Ich könnte Dir von dort Stories erzählen, wie Asiaten eine ungenannte Anzahl von Möglichkeiten praktizieren, um Hunde scharf zu machen, sprich: zu quälen. Dabei sind diese Menschen nicht mal aggressiv.

In den deutschen Konzentrationslagern wurde den Hunden zu wenig Nahrung und kein Körperkontakt gegeben. Allein das genügt, dass einem die Hunde das Gefühl gaben, sie seien auf Menschen abgerichtet. Die waren nur ängstlich. Sonst nichts. Das geht aus meinen Unterlagen über die KZ-Hunde hervor.

Grüsse an Tyrannus Tom Cat