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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Schicksalsschlag



Sarah_41
11.08.2002, 21:15
Freddie war vier Wochen mit dem Garten zufrieden (na ja, da fanden allerdings schon die ersten Ausbruchsversuche statt). Man kann ja auch über den Baum in die große weite Welt gelangen oder über die Sichtschutzwand an der Terrasse ... kaum war mal die Terrassentür zu, weil es regnete oder kalt war, ging das Geheule und Gejammere los. Er wollte raus, raus, raus ... und zwar nicht in den popeligen Garten,
nein "richtig" raus. Butschern gehen, Mäuse fangen, Vögel fangen, Revier erobern. Frei sein.

Mit großen Ängsten hörten wir dann auf, hinter ihm herzulaufen und ihn beim nächsten Ausbruchsversuch wieder einzufangen und nahmen unser Schicksal an. Er wurde - zumindest tagsüber - Freigänger. Ich ließ ihn dann teilweise zur Haustür raus, er kam über bewußten Baum bzw. die Sichtschutzwand wieder zurück nach Hause. Meist beschränkten sich seine Ausflüge in die nähere Nachbarschaft, nach einer Stunde, manchmal zwei kam er zurück. Bei drei Stunden begann ich hier schon auf und ab zu gehen und mir die schrecklichsten Bilder auszumalen. Und wenn er zehnmal am Tag nach Hause kam, so fiel mir zehnmal am Tag ein Stein vom Herzen. Zu Beginn brachte er uns (lebende) Vögelchen mit, die ich dann
wieder, da fast flügge, raussetzte. Dann folgte wenig später die erste (glücklicherweise tote) Maus. Er war stolz wie Oskar, unser Kleiner. Unsere Angst jedoch ließ nie nach. Tagsüber lag er dann ab vormittags auf unserem Bett und pennte. Erst gegen spätnachmittag ließ er sich unten wieder blicken. Es ging mir immer gut, wenn ich wußte, wo er war. Aber er blühte auf, wurde selbstbewußt und lief nur noch mit hoch
erhobenem Schwanz durch die Gegend ... im Rackergang, wie meine Freundin mal meinte.

Unser geliebter Freddie wurde am Donnerstag, 8.8.2002 gegen 22.00 Uhr auf einer vierspurigen Straße angefahren.
Warum er ausgerechnet dorthin ging ... wir wissen es nicht.

Der Verursacher hielt (wie immer) nicht an. Erst eíne junge Frau sah, daß sich am Straßenrand etwas bewegte, hielt an und rief über Handy unsere Tel.No. an, die Freddie am Halsband hatte. Noch barfuß rannte ich hinaus zu der Straße, mein Mann, Marcus, auf einem anderen Weg, da wir nicht wußten, wo genau der Unfall war. Dort lag Freddie, röchelte, blutete aus dem Maul und versuchte aufzustehen. Marcus nahm ihn vorsichtig hoch, so daß er geborgen war. Die junge Frau fuhr uns in die nahegelegene Tierklinik. Dort wurde er geröntgt und wir erfuhren kurz darauf die bittere Wahrheit: Vorderpfote gebrochen (hätte man richten können), ungenanriß (hätte man auch wieder hinkriegen können. Sogar der Beckenbruch wäre reparabel gewesen, aber die schwerste Verletzung war der Schwanzwurzelabriß, er war (und wäre geblieben) auf der Hinterhand gelähmt und hätte seine Ausscheidungen nicht mehr kontrollieren können.

Die TÄ machte uns keine Hoffnungen und riet uns dringend zur Erlösung durch Einschläfern. Die TÄ ließ uns alleine und unter Tränen (das ist jetzt eine geschönte Formulierung für unseren Schmerz, den wir rauslassen mußten) streichelten wir unsere süße Maus und flüsterten mit ihm. Er hatte einen starken Schock ... ob er uns überhaupt bemerkte? Er versuchte weiterhin aufzustehen und wurde mit Valium erst mal ruhig gestellt. Als wir uns zur erlösenden Spritze entschieden, schlief er schließlich in meinem Arm friedlich ein.

WIR SIND UNTRÖSTLICH. Wir sehen Freddie überall. Wir schauen uns Photos von ihm unter Tränen an. Er war unser Sonnenscheinchen, friedlich, fröhlich, vertrug er sich mit allem und jedem. Aber er wollte, zu unserem großen Leidwesen seinen Freigang. Ich habe es gehasst, ihn ziehen lassen zu müssen, ich war froh über jedes Mal, wenn er wieder kam.

Was für ein Glück, daß unsere anderen drei Kater nicht den Drang haben, den eingezäunten Garten zu verlassen. Nochmal könnte ich das nicht mitmachen. Wir hatten ihn erst 3,5 Monate, aber es fühlte sich an wie ein ganzes Leben. Unser Süßi, unser Schnulli, unser Freddie Freddchen ... wir vermissen dich so unendlich.

Freddie liegt nun in seinem Grab in unserem Garten, eine weiß blühende Rispenhortensie blüht seit gestern auf seinem Grab. Zwei Stunden vor seinem Unfall lag er noch an dieser Stelle AUF dem Beet und sah mir bei der Gartenarbeit zu ... jetzt liegt er darunter ...

Mirjam
11.08.2002, 21:40
Genau das letzte ist entscheidend. Ich fühle mit dir, da meiner Katze ähnliches passierte. Sie war sofort tot, obwohl ich alles für sie getan hätte. Lucy war meine erste Katze und mein ganzer Stolz. Sie war meine beste Freundin. Du hast Glück, dass du mit deinen anderen Katzen Trost findest.
Für Katzen ist die Zeit unwichtig, wichtig ist das, was schön in ihrem Leben war.
Doch selbst nach vielen Monaten des Trostes bin ich nicht darüber hinweg. Es ist nicht leicht zu begreifen, was passiert ist.
Deine Katze hat immer einen Platz in deinem großen Herzen, er wird immer zu dir kommen, wenn du an ihn denkst. vor allem in dieser schweren Zeit, allmählich wirst du die Trauer verdrängen können und ihn für immer so in Erinnerung halten, wie du ihn kanntest.

Ich wünsche dir alles Liebe und noch ganz viele Katzen, die bei dir so glücklich werden dürfen!

Miri

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www.katzentrauer.de ist eine Seite, die sich mit dem Thema beschäftigt. Schau doch mal vorbei.

Sarah_41
11.08.2002, 21:46
Danke, Mirjam, für Deine lieben Worte und den Link-Hinweis. Ich werde mich dort umschauen.

Lieben Gruß
Sarah_41

Suse
11.08.2002, 22:42
OOOOHHHHHH Sarah,
Du hast ihm seinen größten Wunsch erfüllt - ABER .........
Es tut mir so leid, daß ihr ihm nicht helfen konntet.
Ich habe eine Bitte.
Auch für meine Katze (1 Jahr alt ) ist es das höchste raus zu gehen ( garten nachbarschaft .......)
Sie darf nur tagsüber raus, nachts ist sie immer drinnen, bis jetzt ist sie auch immer heim gekommen, es gibt auch keine grossen Strassen bei uns - aber jede menge unvernünftige Autofahrer.
Was rätst Du mir?
Angst daß was passiert habe ich auch immer, aber einsperren kann ich sie doch auch nicht - sie liebt IHREN Garten und wenn wir sie dort besuchen, weilwir meinen wir müssen in der Erde buddeln oder an den Sträuchern rumschnibbeln freut sie sich wie doll. ----------
Was meinst Du was soll ich tun?
Einsperren geht nicht.
Ganz liebe Grüsse Suse.

Anke
11.08.2002, 23:39
Lieber ein kurzes glückliches Leben, als ein langes unglückliches.

Das ist ein schwacher Trost, aber leider trifft es bei vielen Katzen zu. Ihr habt ihm alles ermöglicht um glücklich zu sein und er wird Euch immer dankbar dafür sein.

Alles Gute Anke

Sarah_41
12.08.2002, 10:42
@Suse, danke für Deine Worte. Was ich Dir raten würde? Zieh' einen zweimeterhohen Zaun um den Garten mit nach innen gekippten Stäben und lasst sie nie wieder "butschern" gehen. Sollte sich bei einem unserer anderen Kater zeigen, daß er "frei" sein will, werden wir den vorhandenen Katzenzaun jedenfalls auf diese Höhe aufstocken. Nie wieder ein Freigänger!!!

Wir hatten Freddie im Alter von ca. 8 Monaten von der Katzenhilfe Winterhude bekommen. Da war nicht klar, ob er ausgesetzt wurde oder ob er ein verlaufener Freigänger war. Naja, mittlerweile wissen wir's ja ...

@Anke, es fällt mir schwer, so zu denken. Warum nicht ein langes UND glückliches Leben? Freddie schien nie etwas Böses von Menschen erlebt zu haben. Er war so freundlich, zutraulich, neugierig (aber welche Katze ist das nicht?), vollkommen sozial mit Artgenossen, er schlich sich in alle Herzen. Hier in der Gegend leben relativ alte Freigänger, das stimmte mich optimistisch, daran klammerte ich mich. Es hat nicht sollen sein. Nur eines weiß ich: Freigängerkatzen gibt es erst wieder, wenn wir auf einer Alm mit 50 Km Feldweg wohnen ...

Danke auch Dir für Dein Mitgefühl.

Lieben Gruß
Sarah_41

tomahawk
12.08.2002, 11:16
Es tut mir sehr leid um Deinen lieben Kater. Leider erging es mir genauso. Mein erster Kater war auch ein Freigänger aus Leidenschaft, er konnte durch eine Katzenklappe rein und raus wann er wollte. Wir wohnen auch in einer sehr ruhigen Gegend, nur Anliegerverkehr und nach hinten raus zum Garten ein großer Wald. Er war gegen alles geimpft und trotzdem hat er sich dort draußen einen Virus eingefangen, der ihm sein junges Leben kostete. Ich weiß nicht was es war, aber 2 Häuser weiter hatte es den dicken Nachbarskater "Oskar" ebenfalls erwischt. Wer weiß, wo die beiden sich rumgetrieben haben.

Mir fehlt er auch noch sehr und ich schaue seine Bilder immer wieder an. Ganz ohne Katze ging es bei mir dann aber nicht mehr und ich habe mir zwischenzeitlich 3 Stubentiger zugelegt, ohne Freigang, nur 2 Balkone haben die Racker.

Auf alle Fälle war es richtig, ihn nicht weiter leiden zu lassen bei diesen gravierenden Verletzungen und solchen Leuten, die einfach ein angefahrenes Tier liegenlassen wünsche ich, dass sie auch mal keine Hilfe bekommen, wenn sie sie sehr sehr nötig haben. Sowas macht mich wirklich stinksauer.

Sarah_41
12.08.2002, 11:27
Danke auch Dir, tomahawk, den Schmerz wegen des Verlustes kann wohl nur ein Tierhalter verstehen ...

Dir wünsche ich nur gute Erinnerungen mit einem Lächeln auf dem Gesicht und nicht mit Tränen ...

Lieben Gruß
Sarah_41

Sigrid
12.08.2002, 12:17
Liebe Sarah!
Das tut mir so leid. Das Gefühl, ihn überall zu sehen wird noch lange anhalten und eigentlich wird er immer bei Euch bleiben. Die Art, wie ihr Abschied nehmen musstet, ist sehr schrecklich und Euren Schmerz kann ich gut nachvollziehen. Immer wieder die Frage nach dem "warum", auf die es nie eine Antwort geben wird und das Vermissen des kleinen Freddie. Eines sollte Euch trösten: Eine aufmerksame Frau war im richtigen Moment zur Stelle und konnte Euch informieren. Er war nicht allein und ihr kennt sein Schicksal. Ich weiss, es ist ein sehr schwacher Trost, aber wenigstens etwas.
Ihr werdet ihn in Eurem Herzen behalten und hin und wieder wird ein sanftes Streichen Euch berühren, wenn er Euch besuchen kommt. Er hatte kein langes, aber dafür ein schönes Leben bei Euch und konnte seinen Freiheitsdrang ausleben. Egal wie hoch der Zaun gewesen wäre: Wie lange hättet Ihr das ausgehalten, seinen Ausbruchversuchen zuzuschauen. Manche Dinge kann man nicht ändern. Freddie hätte nicht verstanden, warum er nicht mehr stromern darf. Trotz der grossen Sorge um ihn, durfte er losziehen. Schon für diesen Liebesbeweis an den kleinen Kerl wird er bei Euch bleiben, wenn auch anders als Ihr es gewünscht hättet.
Ich wünsche Euch alles Liebe und viel Stärke für die nächsten Wochen.
Gruss
Sigrid

Sarah_41
12.08.2002, 13:29
Ach, Euer Trost tut mir soooo gut. Tausend Dank dafür!!!

Ja, Sigrid, das sind auch unsere Gedanken. Schon an dem Unfallabend dachte ich, daß uns der Himmel einen Engel in Form dieser Frau geschickt hat. Sie hat sich so rührend um uns und um unseren Goldschatz gekümmert ... vor dem Einschläfern nahm sie auch Abschied von ihm. Wir haben ihr schon tausendfach gedankt, haben natürlich ihre Adresse und werden sie zum Wochenende einladen. Wenn sie nicht gewesen wäre ...

Sehr schön, was Du gesagt hast, es hat mich sehr gerührt. Ja, er besucht uns ... in Gedanken und ihn unserem Herzen.

Danke dafür.

Lieben Gruß
Sarah_41

Enya
12.08.2002, 20:30
Hallo Sarah,
es tut mir für euch sehr leid. Aber ihr habt euerem Süßen einen sehr großen Liebesbeweis gegeben. Ihr habt seinen unendlichen Drang zur Freiheit respektiert. Dafür wird er euch, eines Tages wenn ihr euch wieder seht, noch tausenmal danken. Das Gefühl der vom Herzen fallenden Steine kenne ich zu genüge. Aber die Dame die euch wenigstens angerufen hat, die hat wohl der Himmel geschickt. Denn dadurch konntet ihr bei ihm sein, als er über die Regenbogenbrücke ging.
Wir sind in Gedanken bei euch.

Sarah_41
12.08.2002, 21:56
Danke Dir, Birgit. Heute abend (immer um die Uhrzeit des Unfalls) ist es wieder besonders schlimm mit meiner Traurigkeit. Auf meinem Schreibtisch steht ein Photo, das Nachbarn erst vor kurzem von ihm geschossen haben. Er schaut mich an ...

Lieben Gruß
Sarah_41