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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Hundegerechte Erziehung nach Bloch?



Schäfergirl
18.03.2004, 18:58
Ich hab schon so viel über Günther Blochs Erziehungsstrategien gehört. Alsao hab ich mir wegen meiner "Kleinen" und natürlich wegen "Axel" das Buch "Der Wolf im Hundepelz" von Bloch gekauft und bin sehr enttäuscht. Erster Schritt zur Unterordnung: Der Hund muss immer(!) auf den Führer achten. Dazu hängt man ihn die erste Zeit immer(!) an eine 5-Meter-Leine, auch im eigenen Garten. Man verunsichert den Hund indem man ohne Kommando oder auf sich aufmerksam machen plötzlich umdreht und den Hund praktisch mitzieht. Bei Körperkontaktaufnahme loben.
Meine Fragen: Wie um Himmels Willen soll sich ein Hund nur über min. 1 Stunde Spaziergang (er darf nie unaufmerksam sein!) immer auf den Menschen konzentrieren?
Warum soll man vor Wendungen den Hund nicht auf sich aufmerksam machen?
Wie soll ich an der Leine mit ihm spielen?
Wird der Hund denn durch solche, für mich hinterhältige "Erziehung" nicht total verunsichert?

Die Verhaltensbeobachtungen usw. sind gut und interressant, aber einige Sachen: Ich hätte von einem Verhaltensforscher mehr erwartet...
Oder versteh ich da was falsch?
Lisa

Rüsselterriene
18.03.2004, 21:08
:) Schätze mal, dass kann man nur von Hund zu Hund entscheiden, ob DAS die ideale "Lösung" für einen ist.

Für mich kann ich sagen: Ich habe eine Leinenaggression.
Wäre also nix.
Hab das neulich erst wieder durch: War mit 2 Hunden unterwegs, einen hatte ich frei, den anderen an der Leine.
Was macht der Freiläufer? Rennt andauernd in die Leine des Anderen.

Das sind so Situationen, da könnt ich schreien.
Und ich bin mir ziemlich sicher, bei der Blochmethode muss man sich ganzschön zusammenreissen und den Hund danach erstmal wegsperren, damit man nich doch ungehalten wird.

Also, eine Methode, die sehr viel vom "Führer" verlangt.

Anke

chatfrosch
19.03.2004, 07:17
HAbe auch das von Dir erwähnte Buch gelesen. Danach habe ich mir gleich das nächste gekauft - der Hund im moderenen Hausstand (oder so ähnlich) - das ich leider noch nicht gelesen habe.

ICh war anfangs auch sehr skeptisch mit dem Schleppleinentraining. Aber man muß es meiner Meinung nach erst probieren, um sich ein Urteil zu bilden.

Ich habe es probiert.

Bei mir hängt ein 14 Monate alter Rotti an der Leine. Er war zwei Wochen lang an der 5 Meter Schleppe - zwar nicht im eigenen Garten, aber bei jedem Spaziergang. Ich dachte auch - Hilfe - er kann ja gar nicht mehr rennen. Aber er hat es ganz gut akzeptiert. Er hat gelernt sein Thempo dem meinem anzupassen und mehr auf mich zu achten. Er ist zwar noch nicht perfekt - aber es wird schon.

Den Abstand nach vorne hat er gut drauf - aber mit den Richtungswechseln hapert es noch ein bischen. Inzwischen ist er an der 10 Meter Schleppe und hat schon wieder etwas mehr Freiheit. Ich muß auch feststellen, daß 10 Meter ein guter Aktionsradius ist und dem Hund auch völlig ausreichen. Er muß nicht immer 100 Meter Radius haben um den Spaziergang zu genießen.

Du machst Deinen Hund natürlich nicht aufmerksam vor einem Richtungswechsel - da das ganze sonst umsonst wäre. Wenn Du ihm immer sagst, was passiert muß er ja wieder nicht auf Dich achten. Das ist aber Sinn des ganzen, daß er lernt immer ein Auge auf die zu werfen - was Du vor hast. Er muß ja nicht ständig neben Dir her trotten und Dir ins Gesicht starren. Er kann voraus gehen und muß sich einfach mal nach Dir umsehen.

Viele Grüße
Claudia

CocoSam
19.03.2004, 08:57
Hallo,

ich habe das Buch auch zuhause, finde es auch interessant. Allerdings muß man meiner Meinung nach bedenken, dass dieses Buch mittlerweile doch in einigen Punkten schon etwas "überholt" ist, ich denke, man sollte sich das Nachfolgerbuch eher zu Gemüte führen (wobei ich es noch nicht gelesen habe). Bloch hat wohl früher die "Rudeltheorie" auch vertreten, einfach anhand der Beobachtungen, die er an Wölfen gemacht hat, allerdings hat er seine Meinung dazu in einigen Punkten wohl auch revidiert, da er mittlerweile andere Beobachtungen gemacht hat, er sieht das ganze mittlerweile auch eher als Familienverband.

Ich denke also, dass man aus seinem ersten Buch nicht alles 1:1 übernehmen sollte. Wobei der Hund natürlich schon auf mich achten sollte, wir haben es z.B. auch immer so gemacht, dass wir, sobald Zug auf die Leine kam, wortlos stehengeblieben sind, und erst wenn Sam sich dann zu uns umdrehte oder ein Stück zurück kam, also den Zug aus der Leine nahm, gab's ein kräftiges Lob.

Viele Grüsse
Nicole

Dagi
19.03.2004, 09:35
Hallo,

als Amy Welpe war, hatte Klasu aus diesem Forum diesen Tip (Leine um Hüfte und dann einfach losmarschieren ohne Rücksicht auf den Hund) mal jemandem gegeben. Ich fand das damals auch komisch, weiß aber heute, hätte ich das gleich so praktiziert, hätte ich einige Probleme weniger gehabt.

Aus folgendem Grund halte ich das für eine super Methode (natürlich immer in Abhängigkeit von Vorstellungen Halter und Charakter Hund): der Hund lernt so automatisch aufmerksam zu sein, ich brauche ihn nicht ständig verbal zu kontaktieren. Es gibt Hunde, die sind von Anfang an so anhänglich, da braucht man das sicherlich nicht. Ich hatte einen Hunde der von Anfang an dermaßen unabhängig war, dass wir das gebraucht hätte. Nun gut, wir haben das später nachgeholt. Gegen Leineziehen hat bei uns das Stehenbleiben nicht geholfen, der Richtungswechsel OHNE vorherige Ansage schon. Der Hund wird nicht wirklich verunsichert, er lernt nur: ah, mein Mensch trifft eigene Entscheidungen. Und wenn er an der 5 m-Leine ist, muss der Hund diese Entscheidung erst mal mitmachen. Er wird schnell dazu übergehen, nicht vor mir, sondern neben mir zu gehen (oder sogar leicht hinter mir), um keine Wendung zu verpassen. Er wird höchst aufmerksam und guckt eben VON SICH AUS auf den Menschen, nicht nur, wenn man ihn verbal aufmerksam macht, dass nu Richtungswechsel angesagt ist etc.
Nach einigem Training kann man das sicherlich auf 1 Stunde ausdehnen, anfangs reicht kurze Zeit, denn es ist für den Hund richtig anstrengend (weil die meisten es nicht gewohnt sind) ständig aufmerksam zu sein.
Das soll ja auch nicht immer für alle Zeiten so bleiben. Hat man so nach zwei Wochen das Gefühl, dass er jetzt immer richtig gut aufpasst (man also 100 % Hund an der Leine hat ;) ) lässt man Leine fallen und guckt sich das mal an, wie der Hund bei Wendungen reagiert. Dann kann man auch das "Komm mit" einführen um ein Signal zu geben, damit er später im Freilauf auch ein Signal bekommt, was ihm ankündigt, dass der Mensch jetzt irgendwo anders hingeht.
Es macht dem Hund wirklich nix aus, und Spielen muss für die Zeit eben nach drinnen oder in den Garten verlegt werden. Nur damit erst mal für den Hund klar wird: wenn ich an der Leine mit meinem Menschen rausgehe ist "Arbeit" für mich angesagt, ich muss höchst aufmerksam sein, sonst verpasse ich evtl. was.

Ich beobachte hier viele Hundehalter, für die so ein Trainingsprogramm mal angesagt wäre: nämlich für all diejenigen, deren Hunde sich ein Ei drauf pellen, was Frauchen will, die auf Rufen nicht hören, die an der Leine ziehen wie irre. Übertragen gesehen zeigen diese Hunde ihrem Frauchen den "Stinkefinger" und machen, was SIE wollen. Klar werden solche Hunde, wenn man dann nun wie oben beschrieben verfährt erst einmal verunsichert - einfach, weil sie es gar nicht gewohnt sind, auf ihren Menschen zu achten und es nun plötzlich lernen sollen.
Aber wie gesagt, dass dauert nicht lange und der Hund kann auch gut ohne Leine laufen und achtet trotzdem auf seinen Menschen.

Amy wäre so ein typischer Hund gewesen, wo das als Welpe sofort Sinn gemacht hätte. Damals kam mir das aber auch komisch vor, und ich war der Meinung, dass es auch anders gehen muss. Ging aber nicht. Aber es gibt eben auch Hunde, bei denen das überhaupt nicht nötig ist.

:cu: Dagi & Amy

PS.: Das Buch von Bloch "Der Familienbegleithund im modernen Hausstand" unterscheidet sich nicht wesentlich vom "Wolf im Hundepelz", zumindest nicht von seiner Grundeinstellung. Ich hab beide direkt hintereinander gelesen und war etwas enttäuscht, dass ich praktisch zwei mal das gleiche gelesen habe. Trotzdem sind beide Bücher gut, und im zweiten wird mehr auf die beliebten Rassen eingegangen und es werden wieder einige Problemfälle vorgestellt, v.a. wird sich gesondert der Herdenschutzhund-Problematik gewidmet und der Frage nach einem Hundeführerschein.

Ilona
19.03.2004, 10:29
Hallo liebe Lisa,

ich halte eigentlich große Stücke auf Bloch. Er ist einer der Verhaltensforscher und Hundetrainer, die unumwunden auch mal zugeben können, dass sie ständig am Lernen sind, was unsere Hunde betrifft. Das spricht für ihn, wie ich finde.

Du kannst also davon ausgehen, dass er immer nach dem aktuellen Stand der Verhaltensforschung Hunde ausbildet. Und ohne Brutalomethoden.

So, schauen wir doch mal, was Dich so stört:

Der Hund muss immer auf den Führer achten - hm, ist das wirklich soooo schlecht?

Ich sage es jetzt mal ein wenig ketzerisch: Du wirst froh sein, dass Dein Hund gelernt hat, auf Dich zu achten, wenn Du

- einen Hund hast, der aggressiv auf gleichgeschlechtliche Artgenossen reagiert (dann kannst Du ihn nämlich immer ablenken)

- einen Hund hast, der einen ausgeprägten Jagdinstinkt hat (auch den kannst Du dann besser ablenken) oder

- einen Hund hast, der einen ausgeprägten eigenständigen Charakter besitzt

- Du einen Hund hast, vor dem Leute sich fürchten (Größe, Rasse etc.)

Da ich, wie Chatfrosch, einen Rotti habe und den Leuten die Panik manchmal ins Gesicht geschrieben steht, wenn wir irgendwo laufen, kann ich mit unserem "Schau-mich-an"-Trick die Menschen IMMER ein wenig beruhigen. Er hat nämlich gelernt, dass der Ruf seines Namens bedeutet, ich habe unverzüglich zu Frauchen zu kommen und sie anzuhimmeln, denn dann gibt es garantiert was leckeres:D

Und nichts anderes meint die trockene Aussage, dass der Hund immer auf seinen Führer zu achten hat. Ach, dazu gehört auch, dass der Hund nicht zu weit vorläuft und wenn er vorlaufen darf, er sich ab und an umdreht, um zu gucken, was Cheffe da hinten macht und wo Cheffe langgehen will.

Ist ja nicht wirklich schlimm, ne?

Dann stört Dich, dass der Hund dazu immer (!!) an einer 5-m-Leine hängen soll.

Ist aber auch nicht wirklich schlimm, denn damit läßt sich wundervoll das "Achte auf das, was ich tu" lernen und der Hund hat von Anfang an keine Gelegenheit, irgendwelche Kommandos zu "überhören". Man muss das mit dem immer (!!) an der Leine sein, nicht so eng nehmen, darf sich dann aber nicht über Probleme beschweren mit dem Gehorsam, wenn sie plötzlich (???) auftreten. Lieber einmal länger an der Leine und dafür später Freiheiten ohne Ende, wenn es mit dem Gehorsam gut klappt.

Weiter: Man verunsichert den Hund...

Ja, das ist eine gute Übung für Fiffi. Und verunsichert ist nur ein Hund, der noch nicht gelernt hat, auf seinen Führer zu achten. Diejenigen, die das längst tun, spüren mit allen ihren Sinnen, wann der Hundeführer die Richtung wechselt, einen Ball aus der Tasche holt zum Spielen oder, oder, oder. Und ein Hund, der lernen soll, auf mich zu achten, darf ruhig mal "verunsichert" werden. Das heißt ja nichts weiter, als dass ich mal die Richtung plötzlich wechsele, wenn der Hund mal abgelenkt ist. Er wird, bei gutem Verhältnis zueinander, sofort ans Rudel aufschließen und trägt keinen Schaden davon:) Der einzige Effekt, der auftritt, ist ein positiver: er wird immer öfter nach Dir Ausschau halten und nach dem, was Du grad interessantes tust;)

Nein, liebe Lisa, sicher soll der Hund bei 1 Stunde Spaziergang nicht nur mit den Augen am Besitzer kleben. Das ist damit nicht gemeint. Gemeint ist sicherlich der Gesamteindruck, den der Hund macht: wie ist die Bindung zu seinem Halter? Geht der Hund seiner Wege oder schaut er schon ab und an mal nach dem Boss?

Wenn Ihr ein gutes Verhältnis habt, Dein Hund gut erzogen ist und hört und wenn er sonst keine auffälligen oder die Umwelt nervenden Macken hat, dann mußt Du nicht sklavisch an den Regeln von Bloch kleben.

Ansonsten kann man ihm vertrauen. Er ist kompetent und weiß, wovon er redet. Ist halt einer, der schon nahezu ca. 18.000 Hunde in seinem Leben erzogen bzw. unterrichtet hat.

Lieben Gruß, Illi

Schäfergirl
20.03.2004, 06:46
Danke für eure Antworten. Ich werde es nochmal überlegen, obwohl ich selbst es wahrscheinlich für meine DSH-Hündin nicht anwenden werde.
Lisa

satyrlittlewolf
21.03.2004, 23:03
Wenn Du das Buch tauschen (z.B. Die unsichtbare Leine) oder verkaufen möchtest, bin ich sehr interessiert.:D
Grüße
Jürgen und eine schlafende Pelznase