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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : fortgeschrittener Jagdtrieb



maff
15.04.2003, 22:26
Hallo!

Mein Hund ist jetzt knapp 2 und neigt neuerdings zum jagen.
Er gehorcht grundsätzlich recht gut (Hundeschule etc. haben wir reichlich hinter uns), lässt sich problemlos abrufen, wenn er z.B. schon eine Spur aufgenommen hat.
Aber: Wenn er z.B. auf dem Feld in kurzer Entfernung etwas sieht, einen Hasen, rennt er hinterher, da hilft kein rufen o.ä. Er kommt zwar auch innerhalb kürzester Zeit wieder zurück, aber in dieser Zeit hat er erst mal eine ganz schöne Strecke zurückgelegt. Immerhin funktioniert die Bindung noch soweit, dass er offenbar umkehrt, wenn er merkt, dass er den Sichtkontakt verliert. Aber bis er es merkt, könnte im schlimmsten Fall doch eine Straße dazwichen sein.
Und ich habe auch den Eindruck, dass seine "Ehrenrunden" (wenn ich z.B. mit ihm Rad fahre und ihm "lauf" erlaube) immer größer werden.

Ich habe es schon mit übungen an der Schleppleine probiert. Funktioniert toll. Er weiß nämlich genau, dass er an der Leine ist und eh nicht auskommt. Wenn ich ihn frei laufen lasse und es taucht ein Hase in seiner Nähe auf, ist er weg.
Keine Ahnung, was ich tun/üben soll?
Ausgebildete Jagdhunde gehen doch in "platz" wenn sie ein potentielles Opfer entdecken. Die werden so ausgebildet, damit der Jäger freie Schussbahn hat. Ich will natürlich nicht schießen, hätte aber nichts dagegen, wenn mein Hund genauso reagieren würde.
Hat jemand eine Ahnung, wie man das eintrainiert? Oder habt ihr andere Tipps für mich?
Danke!

billymoppel
16.04.2003, 00:47
auf die gefahr, dass ich wieder haue bekomme: bei einem jagdlich ambitionierten hund, wird man es in 90% aller fälle nicht schaffen, ihn davon abzuhaltem einem kaninchen, das direkt vor ihm aufspringt, nachzulaufen. da ist der schalter im hirn in milisekunden umgelegt und die zeit für ein kommando reicht gar nicht mehr. und einen hund von der tatsächlichen jagd abzubringen, also wenn das objekt der begierde direkt vor ihm läuft, geht schlechterdings nicht. das machen auch ausgebildete jagdhunde nicht, es sei denn sie werden mit brutalem starkzwang erzogen (was leider nicht unüblich ist).
da hilft nur, kaninchengebiete zu meiden, wenn man das vollkommen verhindern will. gibt ja nicht überall welche.
das ein hund eine kaninchenjagd recht schnell abricht ist normal (es sei denn, er nutzt den anlass, um streunen zu gehen), weil die biester meist recht schnell in einem bau verschwinden und auch zu schnell sind.
zur sicherheit des hundes würde ich dir raten, mit ihm aber mal zu üben, auf seiner eigenen spur zurückzufinden. das sollte jeder hund können, falls er sich mal in der euphorie verläuft.
auf jeden fall musst du gegenden mit feldhasen (so es welche gibt; es sind die großen mit den langen ohren) meiden. deren verhalten ist anders: sie schlagen keine haken und haben keine baue, sondern rennen stur geradeaus. da kann einem der hund tatsächlich abhanden kommen und außerdem sind sie streng geschützt.
unterbinden mußt du definitiv das spuren! schon erste anzeichen, wie z.b. vorstehen(angewinkelte pfote heben), nase in den wind legen (rehe!), schnüren (schnelles laufen mit kurzen schritten von links nach rechts). und auch das große-kreise-laufen ist spuren! macht er wahrscheinlich da, wo er schon mal glück hatte, hunde merken sich das, kaninchen leider nicht. sofort abrufen. unterordnung (sitz, platz), belohnung, ablenken mit spiel. richtungswechsel. je nach stärke der jagdlichen passion des hundes hilft halt eventuell auch nur die leine an bestimmten orten (hat man schnell raus, welche), da führt kein weg daran vorbei.

billymoppel
16.04.2003, 01:16
ach so, von ausgebildeten jagdhunden hast du falsche vorstellungen. den jagdhund gibt es nicht, alle machen was anderes. dackel und bracken schliefen, d.h. sie fahren in den fuchsbau ein und treiben den ***** raus. falls er sich nicht raustreiben läßt, machen sie ihn kalt.
kleine terrier stöbern ratten auf.
meutejagdhunde (pointer, beagle) hetzen. (hetzjagd ist bei uns verboten) solange bis das wild vor erschöpfung zusammenbricht, dann stellen und verbellen sie.
aportierhunde wie retriever apportieren geschossenes federwild und niederwild.
die meisten klassischen jagdhunde (kurz-,drahthaar u.a.)werden zur treibjagd benutzt: sie spuren (an der spurleine (!) in der hand des treibers, mit spurlaut), scheuchen das wild auf und da das mit mehreren hunden in breiter front geschieht, wird das wild in die arme derjenigen mit dem gewehr getrieben. keiner wäre so doof, den hund ohne spurleine laufen zu lassen, weil eben keiner dann hören würde und es totales chaos geben würde. und sie machen nachsuche (dann frei)für verwundetes wild. dieses stellen sie und geben laut. sie sollten sich nicht daran vergreifen. platz macht da jedenfalls kein hund, höchstens neben der toten beute, wenn die jagd beendet ist.
die grenzen sind fließend. gerade der rauhaardackel ist als jagdhund so beliebt, weil er auch ein guter und ausdauernder treibjäger ist, während schliefen nicht des normalen jagdhundes sache ist.
laß dir nicht einreden, dass ausgebildete jagdhunde brav sind, das stimmt nicht. hundertpro. jäger erzählen den müll gern, weil sie ihre hunde enweder mit brutalstem starkzwang erziehen, sie außer zu treibjagd nie rauskommen (oder mal zur patroullie an der kurzleine, um hunde und katzen ohne leine zu erschießen) und im zwinger hausen (sonst verweichlichen sie). meistens alles zusammen. nicht alle jäger sind so, aber die erzählen dann auch nicht solchen müll.

billymoppel
16.04.2003, 01:37
ach, letzte anmerkung: am liebsten fahren jäger sowieso mit dem jeep bis in die nähe des hochstandes. der hund bleibt im auto, auch bei 180 grad im schatten oder ist gar nicht erst dabei. dann trinken sie gemütlich ein käffle und warten, dass ihnen das wild vors präzisionsgewehr läuft. wenn sie nicht richtig treffen, darf der hund mal zu nachsuche ran.
treibjagden sind selten, da anstrengend und personalaufwendig und auch meist nicht sonderlich erfolgreich. das wild hat nämlich dabei eine ganz gute chance davon zu kommen.
in dem rest der zeit züchten sie dann wildkaninchen in winzigen boxen, die sie aussetzen (die tiere haben dann weder baue noch familienanschluß und sind häufig grenzdebil), um sie sechs monate später (oder auch früher, wer kontrolliert das schon) abzuknallen.

Miss P.
16.04.2003, 13:31
Hallo billymoppel!
Herzlichen Glückwunsch für deinen Beitrag.
Da ich einen super jagdfreudige Hündin(Retrievermischling) habe,interessiere ich mich für das Thema Jagd und Jagdhunde.Es stimmt leider wie viele Jäger ihre Hunde ausbilden,die Hunde gehorchen aus Angst .
Meine Hündin(2Jahre) jagt am liebsten Vögel aber auch sonst einfach alles.Irgendwie muß man damit leben.Ich habe schon vieles gelesen und probiert.
Freilauf ist und blebt ein Risiko.Bei uns gibts fast überall Wild.
Leider ist im Park auch Leinenzwang.
Inzwischen habe ich die Hoffnung aufgegeben,daß der Jagdtrieb schwächer wird (habe ich am Anfang noch geglaubt)
es gibt nur Unterschiede in de Tagesform des Hundes.
Ich sehs ihr mittlerweile schon an der Schnauze an wie sie drauf ist.

Viele Grüße Nanni

igelchen
16.04.2003, 23:06
Original geschrieben von maff
Aber: Wenn er z.B. auf dem Feld in kurzer Entfernung etwas sieht, einen Hasen, rennt er hinterher, da hilft kein rufen o.ä. Er kommt zwar auch innerhalb kürzester Zeit wieder zurück, aber in dieser Zeit hat er erst mal eine ganz schöne Strecke zurückgelegt. Hallo Maff,

ich persönlich bin der Meinung, dass man dieses Nachjagen nicht komplett ausschlaten kann (Bettina hat das ja schön erklärt) und eben damit leben muss. Allerdings kann man den Hund, wenn er nicht mehr beschleunigt, ins Platz abrufen (bzw. ihm das beibirngen :p).

Ich habe es schon mit übungen an der Schleppleine probiert.Wie lange übt ihr denn schon mit der Schleppleine? Und hat der Hund sie immer dran oder nur in kritischen Gebieten?

Keine Ahnung, was ich tun/üben soll?Ganz gute Anregungen bietet die Seite www.grosse-muensterlaenderin.de
Wenn Du Deinen Hund eines Tages aus der Hasenjagd ins Platz rufen können möchtest, muss das Ablegen auf Entfernung, aus der Bewegung, ohne Sichtkontakt, mit viel Ablenkung, auf Handzeichen oder Pfiff der Hauptbestandteil eures Trainings sein. ;) Wie gut kann das Dein Hund denn bisher?

Ausgebildete Jagdhunde gehen doch in "platz" wenn sie ein potentielles Opfer entdecken. Die werden so ausgebildet, damit der Jäger freie Schussbahn hat.Naja, auch ich halte das für ein Gerücht (dass Jagdhunde sich ins Platz legen, wenn sie Wild entdecken). ;) Und auch die freie Schussbahn ist IMO ein Ammenmärchen.
Es stimmt allerdings, dass das "auf der Lauer liegen" ein Teil des Jagdverhaltens ist, während "sich umdrehen und in die andere Richtung laufen" (=zum Besitzer zurückkommen) in dieser Sitaution völlig dem natürlichen Instinkt des Hundes widerspricht.

Hat jemand eine Ahnung, wie man das eintrainiert?Im Prinzip ist das ja ein "einfaches" Platz auf Entfernung, aus der Bewegung heraus und unter großer Ablenkung. Genau wie bei allen UO-Elementen hilft da wirklich nur: Üben, Üben, Üben, Anforderungen laaangsam steigern, Fehlverhalten/ Ignorieren des Kommandos verhindern...

Liebe Grüße
Igelchen

igelchen
16.04.2003, 23:10
Original geschrieben von billymoppel
zur sicherheit des hundes würde ich dir raten, mit ihm aber mal zu üben, auf seiner eigenen spur zurückzufinden. das sollte jeder hund können, falls er sich mal in der euphorie verläuft.
Hi Bettina,

wie übt man das denn? *neugierig-nachfrag*
Ayshra, die olle Jägerin, kommt nämlich immer auf dem Hauptwanderweg zurück und nicht über ihre Spur...

lg Igelchen

billymoppel
17.04.2003, 00:22
nun, ich habe mir die methode selbst ausgedacht, weiß aber nicht, ob es als pädagogisch wertvoll einzustufen ist:
ich habe an einem ort, der den hunden vertraut ist mit männe folgendes gemacht: (gleichzeitige einübung des kommandos "such"). ich habe mir zunächst zwei bäume gesucht, die schnurgerade auseinander liegen und hörweite haben. wir sind an einem baum stehen geblieben, ich habe ihn den hunden gezeigt. männe ist dann zu baum zwei zamst hunden gegangen, hat sie abgelenkt und ich habe mich hinter meinem baum versteckt. auf dem weg zu seinem baum hat er stoff-schnipsel, die ich vorher eine weile zum geruch annehmen in den hundekörben hatte, fallengelassen. dann hat er sie festgehalten und ich habe gerufen. daraufhin hat er "such" gesprochen. sie sind natürlich losgeprescht und geradewegs zu mir. war ja auch easy. paarmalige wiederholung. am nächsten tag dasselbe, nur ohne mein rufen, nur aufs kommando "such" von ihm. hunde haben ja ein erinnerungsvermögen und die ausführung war also kein problem. dann habe ich die schwierigkeit erhöht und mich hinter einem anderen baum versteckt, den sie nicht als versteck kannten, der aber immer noch mehr oder weniger gerade linie zu ihrem baum hatte. natürlich ist aber männe mit ihnen vorher den weg von meinem zukünftigen versteck zu ihrem ausgangspunkt abgegangen und hat schnipsel ausgelegt. wichtig war für mich zunächst, dass "such" klappt, damit sie zukünftig einen anreiz haben. und dann habe ich auf ihre intelligenz vertraut: es muss ihnen ja aufgefallen sein, dass bei den bisherigen such-spielen auch stets ihr eigener geruch da war. eine verknüpfung such-frauchen und dazwischen war doch was?
nun haben wir uns getrennt auf dem spaziergang, hatten aber vorher abgesprochen, wo ich mich verstecke. mein mann hat dann von diesem ort an, die schnipsel fallenlassen bis zu seinem punkt. dann das kommando "such". schon der erste versuch war ein voller erfolg. dann haben wir in den folgenden tagen die abstände erhöht, immer weniger schnipsel ausgelegt und schließlich das ganze in unbekanntes gelände verlegt. ich wollte zwei verknüpfungen erreichen: such=frauchen, frauchen findet man über seinen eigenen geruch. das ganze hat als einübung nicht mehr als gute vierzehn tage gedauert, weil es ja auf verhalten abzielte, dass ihrem natürlichen jagdverhalten entspricht. es hat also spass gemacht, den hunden jedenfalls.
also, es hat bei mir jedenfalls funktioniert, natürlich ist die entsprechende veranlagung bei jagdhunden auch ein wenig gegeben.
übrigens scheint es dem "spießer"-gen des hundes zu entsprechen, immer hauptwege zu benutzen. ich amüsiere mich bei uns auch jedesmal im park, wenn ich den trampelpfad über die wiese gehe, um abzukürzen und meine hunde brav den gepflasterten weg außen rum nehmen. auch halten sie den rechtsverkehr streng ein! daher ist wahrscheinlich ein urlaub in england gestorben, weil sie dann wohl immer mit den streng den linksverkehr einhaltenden englischen hunden kollidieren würden.:D

billymoppel
17.04.2003, 00:57
einen trost habe ich noch: im alter läßt der jagdtrieb nach, dafür steigt zumindest bei rüden der sexualtrieb. eine erfahrung, die ich gerade mache. billy nervt z.z. wirklich und ich weiß nicht mal, wer seine angebetete ist! dafür ist er beim spaziergang erschreckend brav, wohl weil er es eilig hat, nach hause zu kommen. das objekt der anbetung muss hier irgendwo wohnen, er sitzt auch stundenlang und schaut aus dem fenster.
manchmal ist ihm die jagerei wohl auch schon zu anstrengend, ich habe gelegentlich den eindruck, dass er mich fast anfleht, ihn an die leine zu nehmen, damit er nicht noch diesem blöden karnikkel hinterher rennen muss.:D er schaut mich wirklich manchmal so an, wie: "eh, du, siehst du jetzt bitte bitte mal, dass ich eine spur habe! mach gefälligst mal was!"

maff
30.04.2003, 14:12
danke für eure Beiträge!

Von der "Jagdhund-Ausbildung" bin ich inzwischen ziemlich kuriert. traf unseren Jäger und fragte ihn, wie man das hinbekommt. Ohne mit der Wimper zu zucken sagte er, dass das mit Strom-Erziehungshalsband prima machbar ist. Na, vielen Dank.
Wie ich inzwischen festgestellt habe, hat er auch sonst ne interessante Vorstellung von Hundeerziehung: Er führt seinen hund Gassi indem er mit dem Auto durch den Wald brettert und das arme tier darf hinterher rennen. dieses gemeinsame Erlebnis gibt bestimmt ne super Bindung...

Also ich werde jedenfalls die Hasenwiesen jetzt nach Möglichkeit meiden bzw. den Hund dort an der Leine lassen und ansonsten üben, üben, üben. Das Restrisiko bleibt zwar, aber lieber so als mit roher Gewalt.