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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Sitz! / Anbellen der Nachbarn



Movi
03.04.2003, 10:22
Gleich zwei Fragen auf einmal: Seit einer Woche habe ich einen aus Spanien geretteten Pflegehund.
Er hat sich schon recht gut eingelebt. Wenn er mit uns im Garten ist und jemanden im durch einen halbhohen Zaun abgetrennten Nachbargarten sieht, führt Rico sich auf, als ob er denjenigen fressen wolle: Er bellt und knurrt sehr aggressiv und würde am liebsten über den Zaun springen, was ihm mit ca. 50 cm Körperhöhe auch gelingen würde. Da er kaum zu bändigen ist, muss er an der Leine bleiben,und wenn er sich nicht beruhigt, bringe ich ihn ins Haus. Lernt er das auf diese Art?
Wer hat einen Tipp? Ansonsten ist Rico sehr menschenfreundlich - beim Gassigehen würde er am liebsten jeden abschlecken. Außerdem möchte ich gerne wissen, wie ich Rico " Sitz!" beibringen kann.Wenn ich ihn dazu " auffordere" und auf sein Hinterteil/seinen Hinterschenkel klopfe, schaut er mich ganz verständnislos an:rolleyes:

zasko
03.04.2003, 11:21
Hallo Movi,

Wie verhält er sich denn, wenn euch Leute besuchen wollen? Dürfen die ins Haus, oder versucht er auch, die zu vertreiben?
Ich glaube nicht, dass er verbinden kann, dass er ins Haus gebracht wird, weil er bellt. Wie sollte er auch? Ihr geht ja irgendwann mal ins Haus, wenn er nicht gebellt hat, und er hat keine Chance festzustellen, was passiert, wenn er nicht bellt, da er ja wohl jedes mal loslegt. Solange ihr noch keine gefestigte Bindung habt und er noch keine Grundkommandos beherrscht, würde ich ihn sobald er anfängt den Nachbarn anzugehen, kommentarlos an einen Baum o. ä. binden und ihn dann komplett ignorieren. Du arbeitest einfach weiter im Garten, liest dein Buch oder was du halt sonst vorhergemacht hast;) . Achte aber nebenbei darauf, ob er sich irgendwann mal zwischendurch beruhigt. Dann sofort loben, Leckerlie, spielen, was er halt gerne mag. Fängt er wieder an, wird er wieder ignoriert. Sehr von Vorteil wäre hier ein Clicker, da du von jedweder Ecke des Gartens aus sofort clicken kannst, wenn der Hund ruhig ist, und dann ein wenig Zeit hast, zu ihm zu kommen, um das Leckerle zu geben. Sonst bist du womöglich immer zu spät, weil es sein kann, dass er am Anfang nur mal eine kurze Pause einlegt um Luft zu holen. Mit dem Clicker kannst du die nutzen, ansonsten bellt er vielleicht schon wieder, bis du da bist.
Auch das Sitz würde ich mit dem Clicker üben. Es gibt doch genug Gelegenheiten, wo sich der Hund von selbst setzt. Jedesmal wenn du siehst, dass er sich hinsetzt, sagst du "Sitz" udn clickst sobald er sitzt. Du wirst erstaunt sein, wie schnell die Hundies das verbinden und sich dann auch auf "Sitz" setzen, wenn es gerade nicht vorhatten.

Viel Erfolg,
Susanne

Dagi
03.04.2003, 11:46
Hallo Movi,

Das "sitz" zu lernen ist immer "einfacher", wenn Du nicht einwirken musst, sondern der Hund es von sich aus tut.
Hast Du es mal mit der klassischen Methode versucht: Leckerchen über die Nase halten? Wenn der Hund es mit den Augen verfolgt, und die ziehst es langsam schräg über seinen Kopf, dann MUSS er sich hinsetzen - GLEICHZEITIG sagst Du "Sitz". Das viele Male geübt und schon kann der Hund sitz. Zusätzlich sagst Du es zu jeder Gelgenheit, wenn der Hund sich sowieso setzt.

Allerdings würde ich mit dem Einüben von Kommandos etc. jetzt noch warten, bis sich der Hund richtig eingelebt hat. Ich hab mal irgendwo gelesen, daß man so zwei bis drei Wochen warten sollte.

Tja, zu dem Bellen kann ich Dir leider nix gescheites sagen...Belohnen, wenn der Hund NICHT bellt.
Ich sehe es allerdings schon so, daß der Hund jetzt verknüpft, wenn Du ihn reinbringst - allerdings nicht: Wenn ich belle komme ich rein, sondern: komisch, immer wenn mein Nachbar kommt (bzw. da wer am Zaun auftaucht), muss ich rein - na, dann will ich den mal lieber fernhalten - und bellt wohlmöglich noch mehr.
Du könntest Dich in die Nähe Deines Hundes begeben und mal Beschwichtigungssignale anwenden. Wenn Hund also bellt, stehst Du so, daß er Dich sehen kann, gähnst oft und herzhaft, leckst Dir mit der Zunge über die Lippen. So kannst Du dem Hund evtl. signalisieren, daß diese Situation VÖLLIG normal ist, und keine Aufregung lohnt.

Das andere wäre noch: kann er den/die Nachbarn kennenlernen? Oft verlieren solche Personen den "Schrecken" wenn KEIN Zaun dazwischen ist. Sie sollten dem Hund positiv erscheinen. Sie sollen nicht gleich auf ihn "einstürzen", aber ihr könntet evtl. in den anderen Garten, Du unterhältst Dich mit den Nachbarn und wenn Hund von sich aus kommt/dabeibleibt könnte derjenige, der immer angebellt wird dem Hund Leckerchen geben?
Unterhalte Dich mit den Leuten dann doch auch oft einfach mal über den Zaun hinweg.

Das wären jetzt noch so meine Versuche...

Ach so - ihr solltet dann vielleicht noch ein Lobwort trainieren (damit der Hund auch weiss, daß er gelobt wird) - könnt das aber natürlich auch mit dem Clicker anwenden. Nur jetzt nicht losstürzen und einen Clicker kaufen und losklicken - der Hund weiss ja noch gar nicht, daß der Clicker eine Belohnung ankündigt, er muss darauf erst konditioniert werden.

Aber wie gesagt, gib dem Hund erst noch mal ne Zeit zum eingewöhnen...

Liebe Grüße
Dagi + Amy

zasko
03.04.2003, 12:04
Hallo Dagi, hallo Movi,

ähh, ja sorry, da war ich wieder etwas schnell. Klar muss man den Clicker erst konditionieren! Aber ich dachte halt, entweder man kann was mit dem Begriff anfangen, oder man fragt sowieso nochmal nach... Clickeranfängern würde ich auch auf jeden Fall raten, sich ein entsprechendes Buch, z. B. das von Martin Pietralla zu kaufen - zumindest früher war da dann auch gleich ein Clicker mit dabei!

Ich bin allerdings nicht der Meinung, dass man mit dem Einüben von Kommandos noch warten muss. Solange man es spielerisch und ohne Zwang (also ohne Runterdrücken oder so) macht und nur die erwünschte Handlung - eben z. B. das freiwillige Setzen verstärkt, kannst du damit gleich anfangen. Viele dieser Tipps mit längerer Eingewöhnungszeit - z. B. auch Welpen müssen sich austoben können und dürfen nicht reglementiert werden - stammen noch aus den Zeiten der Hau-Ruck Methoden.

Liebe Grüße
Susanne

Movi
03.04.2003, 16:22
Werde eure Tipps mal ausprobieren!:)

Movi
05.04.2003, 16:58
Jetzt habe ich noch eine Frage: Inzwischen hat Rico die Nachbarskinder auf der Straße kennen gelernt, den 6jährigen Jungen hat er freundlich begrüßt, das 10jährige Mädchen kann er nicht leiden - er knurrt und bellt es an.
Wenn Rico die Kinder nun wieder im Garten sieht, bellt er wie gehabt. Dabei ist es egal, ob er im Garten ist oder im Haus - er regt sich furchtbar auf.
Mit Ablenkung, d.h. Spielen, sobald er eine Knurr-/Kläffpause macht, klappt es schon ein bisschen. Nur sieht er meistens als erster, dass jemand ( besonders Kinder) im Nachbarsgarten ist... Vielleicht hat er ja auch in der Vergangenheit schlechte Erfahrungen mit Kindern gemacht. Als heute Besuch da war, hat er die Kinder, 1 und 5, nämlich auch angebellt. Da kann man wahrscheinlich nicht viel machen, oder?

billymoppel
05.04.2003, 20:22
doch, kann man. natürlich nicht von heute auf morgen. er muss kinder mit positiven dingen verknüpfen. das heisst nun nicht, dass ich jedes kind auf ihn loslassen würde, denn kinder haben nun mal die eigenart, häufig zu ungestüm und zu besitzergreifend zu sein. schön wäre ein geeignetes übungs-kind. ich habe so eins, auch wenn es erst vier ist, im haus. ein kind ohne ängste und mit vernunft, das bereit ist, den hund zu respektieren. das sollte langsam kontakt zum hund aufbauen, zunächst in deiner engen gegenwart. zum schutz von kind und hund und um dem hund sicherheit zu vermitteln. mal ein leckerchen geben, später den hund mal streicheln. man kann auf die dauer wirklich schöne erfolge erzielen (s. mein beitrag "ein schönes erlebnis")

Movi
08.04.2003, 11:36
Also, zur Zeit ist Rico wirklich gut drauf:
Er fühlt sich so stark, dass er fast alle Hunde, die er beim Gassigehen trifft, anknurrt,-bellt und anspringt. Das Gleiche gilt für Katzen und einige Menschen, z.B. Männer in schwarzen Bomberjacken und manche Kinder.
Er macht einen Riesen-Aufstand und ist ziemlich schwer zu bändigen. Meine Familie und ich versuchen schon, Hundebegegnungen zu vermeiden, aber das geht ja nicht immer. Er ist praktisch immer derjenige, der "anfängt". Wenn es mein Hund wäre (wir haben ihn ja nur zur Pflege, er wartet bei uns auf ein neues Zuhause), würde ich sofort mit ihm zur Hundeschule gehen. Was kannn ich denn auch so machen?
Ich denke mal, er hat zur Zeit das Gefühl, uns gegen jeden verteidigen zu müssen, wo er nun endlich ein "Rudel" hat. Aber dabei geht er zu weit! Rico bellt auch sehr häufig, wenn jemand zur Flurtür hereinkommt, anscheinend erkennt er immer zu spät, dass es meistens einer aus unserer Familie ist, denn dann hört er sofort wieder auf - bei Fremden aber nicht.
Zum Anbellen fremder Hunde muss ich noch sagen, dass er, als ich das erste Mal mit ihm Gassi war, von einem freilaufenden Kampfhund angegriffen wurde ( Bellen, Springen, Bisse, die ihn zum Glück nicht verletzt haben).Der Kommentar der einige Minuten später erscheinenden Besitzerin war nur, das habe er zum ersten Mal gemacht - sie nahm ihn auch trotz Aufforderung nicht an die Leine, so dass wir den Weg verlassen haben. Vielleicht hat Rico dieses Erlebnis auf ALLE Hunde übertragen??

Dagi
08.04.2003, 12:48
Hallo Movi,

ja, ja, man hört oft, daß sich das "wahre Gesicht" eines Hundes zeigt, nachdem er erst mal die neue Situation eingeschätzt hat, und dann will er weitermachen mit dem Verhaltensreportoire, was er eben kennt und womit er bisher Erfolg hatte. DANN ist der Punkt erreicht, wo man eigreifen muss. Ich halte es allerdings auch für die Aufgabe einer Pflegestelle, da schon was zu tun - sonst hat er WIEDER einmal geschafft, mit diesem Verhalten "weiterzukommen" und er wird weiterhin dieses Verhalten als normal erachten. Es kann ja noch dauern, bis der Hund vermittelt wird - also würde ich an eurer Stelle schon jetzt eine Hundeschule aufsuchen, besser noch jemanden, der mit euch zuhause arbeitet.

Was ich nicht glaube, daß er die Attacke des "Kampfhundes" auf alle Hunde übertragen hat - Hunde sind SEEEEHR schlecht im generalisieren. Vor diesem einen speziellen Hund wird er Angst haben, oder ihm gegenüber Aggressionen zeigen. Aber nicht bei allen - normalerweise. Denn Du weisst ja nicht, was er vorher erlebt hat, inwieweit er sozialisiert ist, was für ein Verhalten er gezeigt hat...
Wie gesagt, generalisieren kann ein Hund schlecht - sonst müsste man ja auch Welpen nicht mit großen und kleinen Hunden verschiedenster Rassen zusammenbringen, damit sie auf möglichst viele unterschiedliche Hunde (und andere Dinge) sozialisiert werden. Ein Hund kann nicht mit EiNEM Hund gute Erfahrungen machen, und sie auf alle anderen Hunde übertragen, dazu ist seine "Lernstruktur" nicht in der Lage.

Rico zeigt ein hundetypisches Verhalten, denn er hat es anscheinden nicht anders gelernt. Mir scheint, er ist nicht ausreichend sozialisiert??? Das hat auch nix mit Agression zu tun - er KANN es eben nicht anders. Allerdings ist hier auch Vorsicht geboten - wenn er irgendwann mit dieser Strategie nicht mehr weiterkommt (also, sich durch Bellen andere Hunde, Menschen vom Leib zu halten, bzw. auf sicherer Entfernung zu halten), dann kann er zur nächstliegenden Strategie "umschalten" - und das wäre Schnappen oder Beissen. Wie gesagt, nur bei denjenigen Dingen, die er nicht kennt...

Es ist schwierig nur aufgrund der Schilderung etwas zu sagen, und ich habe jetzt auch nur meinen Eindruck geschildert. Ich halte es allerdings wirklich für unerlässlich einen Verhaltenstrainer/therapeuten aufzusuchen!

Grüße
Dagi

zasko
08.04.2003, 14:38
Hallo Movi,

ich schließe mich in weiten Teilen Dagi an. Ich glaube auch, dass dieser Hund professionelle Hilfe braucht. Von wo habt ihr ihn in Pflege: vom Tierheim, von einem "... in Not" Verein, o. ä? Vielleicht sind die ja bereit, die Hundeschule zu bezahlen. Viele Hundeschulen geben auch für solche Tiere Rabatt. Je länger er jetzt mit diesem Verhalten durchkommt, umso länger dauert es, bis man es wieder in den Griff bekommt. Am besten wären sicherlich ein paar Einzelstunden bei einem Verhaltenstherapeuten/in - wenn du mich fragst in Verknüpfung mit Clickerkonditionierung und Vermittlung der Clickergrundlagen an dich - und dann Gruppenstunden, in denen ihr vor allem erst mal übt, dass er gelassen bleibt, wenn andere Hunde mit dabei sind.

Es kann schon sein, dass ein Hund durch ein traumatisches Erlebniss so reagiert, meist müssen es allerdings wirklich ein paar mehr sein (bei Zasko waren es drei Angriffe - zwei Verletzung am Hinterteil (reingebissen als er weglief) und einer in die Brust (nachdem er sich unterworfen hatte) bis er von ängstlich/unterwürfig auf Aggression umstieg) - aber wie Dagi schon schrieb, du weißt ja gar nicht, was dieser Hund sonst schon alles erlebt hat. Also kannst du nur mit dem "IST"-Zustand leben.

Als "Soforthilfe" nachfolgend ein paar Hinweise in Kurzform
1) Hundebegegungen komplett vermeiden hilft nicht, ihr müsst dran üben, sonst kann's nicht besser werden
2) Sich selber bemühen, eine positive Einstellung bei der Begegnung zu haben. Je nervöser und unsicherer/ängstlicher du bist, umso mehr ist es auch der Hund
3) Am besten mit einem Bekannten auf einer Wiese mal ein paar Übungen "stellen", um die aktuelle Individualdistanz des Hundes auszutesten (wie lange bleibt er ruhig, ab welcher Distanz geht es los). Hierzu braucht man einen ruhigen anderen Hund, der nicht provoziert und sich nach Möglichkeit nicht provozieren läßt. Solange dein Hund bellt, passiert überhaupt nichts, sobald er aufhört zu bellen, entfernt sich der andere Hund. Fängt deiner wieder an, bleibt der andere wieder stehen, etc. Am besten aber versuchen, den Abstand so zu wählen, dass er gar nicht erst anfängt zu bellen und dann loben, Leckerchen, weggehen.
4) Auf den normalen Wegen versuchen, anderen Hunden soweit auszuweichen, dass ihr die ausgetestete Individualdistanz erreicht, d. h. er gerade noch still bleibt. Loben/Leckerchen (oder Spielzeug) wenn er ruhig bleibt. Fängt er doch an, ruhig weitergehen, das Verhalten des Hundes ignorieren.
5) Falls du ihn dabei nicht halten kannst, würde ich ihn langsam an ein Halti gewöhnen. (Halti immer zusammen mit zweiter Leine an Halsband/Geschirr verwenden).
6) Wenn es mit Bögen laufen klappt und er ruhig bleibt, langsam den Abstand zu anderen Hunden verringern.

Genauso kannst du auch mit anderen "Gefahrenquellen" (Männer/Kinder etc) vorgehen, hier solltest du aber vor allem ausnutzen, das man solche Situationen mit Bekannten stellen kann und nicht nur Zufälle zum Üben benutzen.

Das Problem auch an diesen Tipps ist, dass jeder Hund anders reagiert und es keine Standardtherapie gibt. Man muss immer sehen, womit der Hund am besten klar kommt, und darauf die Strategie abstellen.

Deshalb nochmal die dringende Bitte: Wenn irgendmöglich, holt euch Hilfe vor Ort!

Liebe Grüße
Susanne

Movi
11.04.2003, 10:06
Irgendwie ist meine Antwort wohl nicht übergekommen... ich probiere es jetzt noch mal - vielleicht steht sie dann später zweimal drin, aber egal.
Also, danke für eure Tipps, wir sind am Ausprobieren und haben schon einen " Übungshund " gefunden.
Wenn Rico Glück hat, bekommt er am Wochenende sein endgültiges Zuhause und kann dann in einer Hundeschule trainieren. Insgesamt ist er schon etwas ruhiger geworden - anscheinend hatten ihn die Begegnungen mit zwei potentiellen neuen Familien letztes Wochenende extrem gestresst.